Aufsatz 
Die Homerlektüre im fünften Jahreskurse der Realanstalten / von W. Stengel
Entstehung
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Diese Bedeutung Homers, die historische sowohl wie die allzeit vorbildliche, haben die ver- schiedenen Vertreter moderner Schulbildung, auch Realschulmänner, freudig anerkannt, vielleicht keiner knapper und doch voller ausgedrückt als Holzmüller:Der hohe ideale Wert der homerischen Dichtungen wird alle Schulreformen überdauern, und auch in künftigen Jahrhunderten werden diese das Entzücken der Jugend und die Erquickung aller Gebildeten sein.)) So fand die Bestimmung der preuſsischen Lehrpläne von 1891, daſs in der Obertertia der Realanstalten(Sekunda der Real- schule) Homer in der ibersetzung von Vols gelesen werden solle, vieler Orten freudige Aufnahme; viele Anstalten, namentlich Realgymnasien, hatten schon vordem die griechischen Epen in ihrem Lehrplan. Freilich blieb eine groſse Zahl Realschulmänner lau; am meisten fällt hier Münchs Stimme ins Gewicht, der p. 97 des oben genannten Buches in Parenthese anführt:als ob z. B. die Lektüre des Vofsschen Homer eine ganze beträchtliche Periode hindurch deutsche Poesie verdrängen dürfte. Gewils! der altväterische Voſs, dessen Übersetzung J. Minckwitz nicht ganz mit Unrecht mit einer Arznei vergleicht, die löffelweise genossen wird, ist keine empfehlenswerte Lektüre für Knaben, deren Stil der Bildung noch gar sehr bedarf. Ob Münch nach dem Ministerialerlals vom 7. Dez. 1892, der auch andere gute UÜbersetzungen gestattet, wenn sie die Billigung der Provinzial-Schul-Kollegien erhalten, noch derselben Meinung ist, muls ich dahingestellt sein lassen. Ist es aber doch bis dahin schon kaum noch der alte Voſs gewesen, der in den Schulausgaben geboten wurde! So wenig waren in den Bearbeitungen, wie z. B. der von Kern, die alten Züge vorhanden.

Sollte nicht jetzt nach sechsjährigem Wirken der neuen Lehrpläne die überwiegende Ansicht in den Kreisen der Realschulpädagogen so stehen, daſs die Homerlektüre in der That eine wesent- liche Bereicherung des Lehrplanes dieser Anstalten ist, daſs mit ihr in den Mittelklassen die Poesie erst diejenige Bedeutung den anderen Lehrstoffen gegenüber erlangt hat, die sie beanspruchen muſs, wenn das Gleichgewicht des Unterrichts nicht gestört werden soll? ²) Und ist es denn so viel, wenn wir in Obertertia ein Tertial oder auch das Sommersemester in der Hauptsache für Homer in Anspruch nehmen, der uns doch nicht herausführt aus den Zielen des deutschen Unterrichts, vielmehr zu einem tieferen Verständnis der nationalen Dichter erst recht den Sinn öffnet und die Brücke bildet? Das freilich muſs der oberste Grundsatz bleiben: Die Homerlektürestehe nach Methode und Zielen im Rahmen des deutschen Unterrichts! Aber wundern kann man sich auch nicht, wenn noch immer viele Lehrer an Realanstalten sich dem Homer gegenüber kühl verhalten. Die Bibliothek ihrer Anstalt bietet ihnen Schätze für die Erklärung von Schiller und Goethe, oft mehr denn zuviel; was birgt sie für die Erklärung Homers? Meist nichts, rein gar nichts! Und da soll der Lehrer Verständnis und Freude an einer Dichtung erwecken, für deren Behandlung ihm selbst die Vorkenntnisse abgehen?

¹) Zeitschrift für latl. höh. Sch. VI. 349.

) Wir führen einige Urteile an, wie sie uns zu Händen gekommen sind: A. Gille:Die Anordnung(die Homerlektüre betr.) ist an sich sowohl als vom Standpunkt der Konzentration aus freudigst zu begrüſsen. Zeitschrift für latl. höh. Sch. VI. 137.

A. Thaer:Wenn wir auch auf die alten Sprachen verzichten, auf die Schätze der alten Literatur, besonders der griechischen, wird eine deutsche Schule, wenn sie ihre eigenen Klassiker erklären will, nimmermehr verzichten dürfen. Progr. der Oberrealsch. vorm Holstenth. Hamburg 1897 p. 1.

W. Thon:Die Forderung(dafſs Homer in der Realschule gelesen werde) ist eine kräftige Mahnung daran, dafs selbst der modernste Mensch nicht die Fäden zerreifsen soll, die ihn auch mit der fernsten Vergangenheit verknüpfen, sobald sie Grofses für die Menschheit geleistet hat, und sobald ihre Zeugen menschlich zum Menschen sprechen. Progr. Bitterfeld 1894. p. 7.

Andere Urteile werden im Laufe der Arbeit Erwähnung finden.