Aufsatz 
Die Homerlektüre im fünften Jahreskurse der Realanstalten / von W. Stengel
Entstehung
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Die Homerlektüre de b

im fünften Jahreskurse der Realanstalten von Oberlehrer W. Stengel.

Die moderne Kultur hat ihr Spiegelbild in den Gärten; wie dort die Gewächse aller Länder neben den heimischen gedeihen, dem Boden angepalst, dem Geschmack und den Bedürfnissen der Besitzer entsprechend, so liegt auch in unserer Gesamtkultur eine Fülle fremder Elemente, fremder Anregungen und Errungenschaften neben dem ursprünglich Nationalen. Die ältesten Einflüsse aufs Deutschtum entziehen sich wissenschaftlicher Feststellung; es folgen die keltischen Brüder, Hellas und Rom, der Orient, alle Nachbarländer in mehr oder minder starkem Maſse, eins nach dem andern oder auch mehrere zugleich. Von allen haben wir gelernt, haben, was unserer Eigenart zusagte und sie fördern half, herübergenommen, mit dem unseren verschmolzen. Mit dieser Thatsache muſs der rechnen, der die Kulturstufe, die wir gegenwärtig erreicht haben, erkennen und erklären will. Auch in der höheren Schule stehtvon der Stunde an, wo der Vorschüler liest vom Kaiser Augustus, der ein Gebot ausgehen lieſs, daſs alle Welt geschätzet würde, bis zur Lektüre von Goethes Hermann und Dorothea im Hintergrunde das(griechisch-römische) Altertum als der Quell, aus dem die Bildung der modernen Völker geflossen ist.¹ ¹)

Keine Seite dieses Altertums hat eine so nachhaltige Wirkung ausgeübt als die Kunst, be- sonders die poetische Kunst. Niemand hat das lebhafter anerkannt, als unsere groſsen Dichter selbst. Wie tief bewegte ihre Zeit die Frage, wie Homer durch Übersetzung zum Eigentum des deutschen Volkes zu machen sei! Bodmer, Bürger, Friedrich Leopold Stolberg, Vofs rangen im Wetteifer um die Palme. Mit welcher Teilnahme verfolgte der Weimarer Kreis die Bemühungen, wie unterstützte er sie durch Rat und That! Welche Aufregung rief unter den Dichtern die Wolfsche Entdeckung von der eigentümlichen Entstehungsweise der homerischen Gedichte hervor! Goethe atmete wie erleichtert auf; alsHomeride trat er jetzt mitHermann und Dorothea auf den Plan. Schiller versenkte sich in die Vossische UÜbersetzung, seine Verehrung Homers grenzte ans Schwärmerische. Im Vordergrund des Interesses und des Studiums standen die groſsen Epen, Ilias und Odyssee. So wenig als die höhere Schule die alte Geschichte aus ihrem Lehrplan streichen wird, so gewiſs muſs sie auch, will sie ihrer kulturhistorischen Mission gerecht werden, die Einführung in diese Gedichte zu ihrer Aufgabe machen.

Ist es wahr, was Münch sagt:Wenn auf Nahes und Fernes, Altes und Neues, Eigenes und Fremdes hingewiesen werden kann, dann erst erhält die Lehre die breite Bahn, auf der sie sich sicher bewegt, und die Fülle, durch die sie sich ruhig in die Geister senkt ³), so gilt das vor allem auch von der Lektüre Homers auf der höheren Schule. Welchen Hintergrund, welchen Nachdruck, welche Vertiefung erhält auf den Realanstalten die Beschäftigung mit den Werken der Poesie, wenn wir die Schüler einführen können in die gepriesenen Vorbilder künstlerischen Schaffens, in die ewig jungen Gebilde einer edlen Vorzeit!

¹) K. von Hörsten, Zeitschrift für lateinlose höh. Sch. II. 341. ²) Münch, Vermischte Aufsätze über Unterrichtsziele und Unterrichtskunst an höheren Schulen. 2. A. 1896.