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hebt sich das Individuum zur klaren Erkenntnis der Forderungen, die die Pflicht an es stellt, und gestaltet Thun und Denken nach dem Gesetze der Pflicht, so hat es die höchste Stufe der gemütlichen Bildung erstiegen, wenn es schliesslich diesem Gesetze unbewusst folgt, wenn dieses Gesetz ihm gar nicht mehr ein solches zu sein scheint, ein Idealzustand, den einzunehmen menschlicher Unvollkommen- heit versagt ist, und dem wir uns nur mehr oder weniger nähern können. Religiöse und philosophische Erziehung streben nach diesem gemeinsamen Ziel, den Menschen auf die höchstmögliche Stufe ge- mütlicher Bildung zu erheben: jene indem sie sich vorzugsweise an das Gemüt wendet und dieses allein als den zu bildenden Stoff ansieht, diese indem sie auch die Fragen des Gemüts von dem Standpunkte der Vernunft aus in Angriff nimmt und so gewissermassen die gemütliche Bildung als das Ziel der intellektuellen Erziehung ansieht. So erhellt auch, dass die gemütliche Bildung der- jenigen des Verstandes gegenüber von höherem Werte ist, da sie erst den Menschen zum Menschen, dem Bilde Gottes, macht. ¹) Will man daher eine Grenze ziehen zwischen Gebildeten und Ungebildeten, eine Einteilung in Menschenklassen nach ihrer Bildung vornehmen, so müsste viel eher die Herzens- bildung, als die intellektuelle Bildung für eine derartige Teilung massgebend sein. Man glaube nur nicht, dass damit die sogenannte höhere Bildung herabgesetzt würde, im Gegenteil sie wird, indem man sie aus der Erörterung dieser Frage entfernt, nur gewinnen: nicht mehr den Angriffen derjenigen, die sie nicht besitzen, ausgesetzt sein, die jetzt sie herabzusetzen sich bemühen, weil sie glauben ungerechter Weise unter einem Vorurteil leiden zu müssen. Der Weg zur höheren Bildung steht nicht gleicher Weise allen offen— widrige Verhältnisse können hier unüberwindliche Hindernisse in den Weg legen—, aber die Herzensbildung ist Allen erreichbar und der Wege sie zu erlangen giebt es gar viele. Der wichtigste wird ja immer die häusliche Erziehung bleiben, da sie die ge- mütliche Bildung vorbereitet zu einer Zeit, wo noch das jungendliche Herz allen Eindrücken gegen- über empfänglich ist; aber wo der Mensch ohne diese Bildung ins Leben tritt, wird ihm eben das Leben— vielleicht weniger saunft, als die häusliche und die Zucht der Schule— Gelegenheit geben gemütliche Bildung sich anzueignen; für den Nichtbesitz gemütlicher Bildung giebt es keine Ent- schuldigung; wer sich aus dem Zustande der Rohmheit nicht zu erheben vermag oder nicht erheben will, hat selbst und ganz allein die Verantwortung zu tragen, wird mit Recht als Ungebildeter von den Gebildeten geschieden. Natürlich ist, dass auch bei der gemütlichen Bildung verschiedene Stufen unterschieden werden können und müssen.
Haben wir als das Ideal der gemütlichen Bildung das Denken, Thun und Lassen beherr- schende Pflichtbewusstsein bezeichnet, wie es im kategorischen Imperativ oder in den Lehren des Christentums zum Ausdruck kommt, so mauss noch etwas betrachtet werden, das seinem ganzen Wesen nach hierher gehört. Es gilt noch den Ausdruck Charakter zu erörtern.*) Man redet auch von Charakterbildung, versteht aber durchweg unter diesem Worte nicht ein Produkt, sondern die Thätigkeit des Bildens. Und doch wird andererseits gerade beim Charakter allgemein ange- nommen, dass er etwas angeborenes sei. Im Wesentlichen wird man demjenigen Charakter zu- sprechen müssen, der mit Ernst und Erfolg bestrebt ist, sich gemütliche Bildung anzueignen, so zwar, dass er die Forderungen der Sittlichkeit, wie sie oben entwickelt sind, deswegen anerkennt und austführt, weil er es nicht lassen kann; dass er die Pflichterfüllung nicht als eine Notwendigkeit,
¹)„Endaziel aller Bildung ist die Sittlichkeit, zu welcher intellektuelle und aesthetische Ausbildung nur die Vorstufen sind.“—„Die Sittlichkeit giebt erst der Verstandes- und Geschmacksbildung ihre wahre Bedeutung und ihren wahren Wert““
²2) Denn von verschiedenen Seiten wird betont, dass nicht einseitige Gelehrte, sondern Charaktere gebildet werden sollen.


