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zu entgegnen, dass wenn man eine solche Liste aufstellen wollte, doch unter keinen Umständen hätte Philosophie, Rechtskunde, Staatswissenschaft und noch vieles andere fehlen dürfen. Mit der- artigen Aufstellungen wird man sicherlich nicht zur Erkenntnis des Begriffes Bildung kommen, im Gegenteil, durch das Subjektive, das ihnen notwendig anhaftet— oder die Liste müsste vollständig sein, und dann könnte man einfach sagen, von„allem“ etwas wissen— sind sie nur geeignet, eine gründliche Untersuchung zu verhindern und folglich zur Verdunkelung des Begriffes beizutragen. Ausserdem ist gar nicht abzusehen, wie der Ausdruck„êetwas verstehen“ eine wirkliche Begriffs- erklärung herbeiführen könne, ein Ausdruck, der an und für sich schon etwas so Schwankendes, so Dehnbares an sich hat, dass ihn jeder nach seinem Belieben deufen kann.
Wenden wir uns nun von der intellektuellen Bildung zu derjenigen des Gemüts, so gestaltet sich die Erörterung deshalb ungleich einfacher, weil wir hier keine Unterscheidung nach verschiedenen Ge- bieten, wie dort nach den verschiedenen Wissensgebieten, haben. Wie schon oben angeführt wurde, lässt sich die gemütliche Bildung von der intellektuellen in Wahrheit nicht völlig trennen; die intellektuelle Bildung wird immer auch die gemütliche, allerdings in mehr oder weniger hohem Masse, zur Seite haben, da die der intellektuellen Erziehung dienenden Gebiete stets auch für das Gemüt nicht ohne Bedentung sein werden. Jedoch ist hervorzuheben, dass wirkliche Kenntnisse nach irgend einer bestimmten Richtung hin für die gemütliche Bildung ganz nebensächlich sind; auch nicht etwa störend, aber jedenfalls keine Grundbedingung. Die gemütliche Bildung ist vorzugsweise ein Produkt der Zucht, dagegen gewissermassen nur ein Nebenprodukt der Unterweisung. ¹) Handelt es sich bei der intellektuellen Bildung vorzugsweise darum, dass die Fähigkeit objektiven und richtigen Urteilens in Fragen des Verstandes auf dem Gebiete der Künste, Wissenschaften, Fertigkeiten etc. vorhanden ist,²) so werden wir bei der kordialen Bildung ebenso die Fähigkeit objektiven und richtigen Urteilens in Fragen, die Herz und Gemüt bewegen, also in allen Fragen, die man als rein menschliche zu bezeichnen pflegt, als das eigentliche Wesen dieser Bildung bezeichnen können.²) Schon bei der Erörterung der intellektuellen Bildung wurde ausgesprochen, dass auch für sie der kategorische Imperativ massgebend sei: im Gebiete der kordialen Bildung ist er unbedingtes Erfordernis, in ihm kommt in andrer Weise das Gesetz der christlichen Lehre von der Nächstenliebe zum Ausdruck. In der Erfüllung dieser Forderung gipfelt die gemütliche Bildung. Alles, was sonst dazu gehört und auf das noch näher eingegangen werden wird, kann nur dazu dienen, diese ideale Forderung ibrer Erfüllung näher zu bringen, das Individuum geeignet zu machen, diese Forderung der gemütlichem Bildung zu verstehen und ihrer Erfüllung nachzustreben. Gerade in unserer Zeit, in der so viel von den Rechten des Einzelnen die Rede ist, wird es gut sein, sich voll zum Bewusstsein zu bringen. dass der Kern der gemütlichen Bildung das Pflichtbewusstsein ist, dass im Pflichtbewusstsein, wie es im kategorischen Imperativ und in den Lehren des Christentums seinen Ausdruck findet, die sittliche Bildung giplelt. Die gemütliche Bildung beginnt mit dem Kampf gegen den Egoismus; das Individuum, das bewusst in seinem Innern anzukämpfen beginnt gegen den Egoismus, befreit sich dadurch aus dem Zustande der Rohheit, es hat schon Anspruch darauf gebildet zu heissen; er-
¹) Wundt, System der Philosophie, p. 11:„Der Satz des Sokrates, dass Wissen und Tugend eins seien, ist massgebend für die Lebensanschauung des Altertums. Unbestritten gehört diese Einheit von Leben und Lehre, von Wissen und Glauben zu den unwiederbringlichen Vorzügen der antiken Geistesbildung.“
2)„Bildung ist die Entwickelung des Geistes zum Verständnis des Lebens und der wirklichen Welt.“(Huhn.)
³)„Dass hierzu Kenntnisse erfordert werden ist oben ausgeführt. Kenntnisse und Bildung können höchstens von demjenigen in Gegensatz zu einander gesetzt werden, der unter Bildung allein die formale Fähigkeit versteht, im Sinne der deduktiven Logik richtige Schlussfolgerungen zu ziehen.“


