Aufsatz 
Gedanken über das Wesen der Bildung / von Heinrich Schotten
Entstehung
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lich zur Unterscheidung verschiedener Klassen verwendet wurde, indem man diejenigen, denen manallgemeine Bildung zuerkannte, als Gebildete unterschied von den Ungebildeten.¹) Ein derartiger Gebrauch ist durch Nichts gerechtfertigt, wenn man dem Wesen des Begriffes Bildung auf den Grund geht; nicht die verschiedenen Gebiete der Bildung dürfen für eine solche Unter- scheidung in Klassen massgebend sein, sondern die verschiedenen Stufen. Allein diese Frage kann hier keine endgültige Lösung finden, sie beschränkt sich nicht auf das Gebiet der intellektuellen Bildung, ist vielmehr in erster Linie eine Frage der kordialen Bildung der Sprachgebrauch hat sich hier am weitesten von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes entfernt. Dieser falsche Ge- vrauch hat dann weiter dazu geführt, dass eine allgemeine Jagd nachallgemeiner Bildung entstand unter direkter Vernachlässigung wahrer Bildung resp. der Vorbedingung zu wahrer Bildung d. h. einer gewissen Tüchtigkeit in einem besonderen Fache, die das grosse Heer derHalbgebildeten hervorgerufen, die unter Verkennung des eigentlichen Kernes des Begriffes Bildung Anspruch auf Bildung machen zu dürfen glaubten, wenn sie ein oberflächliches, urteilsloses Wissen in verschiedenen Gebieten sich angeeignet hatten.²) Dass aber zur wahren Bildung gerade auch die Fähigkeit richtigen Urteilens gehöre, geht aus den obigen Ausführungen hervor. ³)

Der andere Ausdruck, der vielfache Anwendung findet ist der derhöheren Bildung. 4) Hören wir einmal, was ein moderner Schriftsteller unter höherer Bildung versteht:Ein Deutscher, der heutzutage auf höhere Bildung Anspruch macht, muss etwas verstehen von Religion, Gotisch, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Neuhochdeutsch, von allgemeiner und insbesondere deutscher Literaturgeschichte, Latein(sprechen und schreiben), Englisch(sprechen und schreiben), Französisch (sprechen und schreiben), Griechisch, Hebräisch, Italienisch, Geschichte, Geographie, Mathematik, Zeichnen, Musik, Botanik, Mineralogie, Zoologie, Physik, Chemie, Astronomie, physikalischer Geographie, Geologie; dazu kommt Tarnen, Singen, Schwimmen, Fechten, Tanzen und was sonst noch dazu ge- hört. Das ist eine schöne Zusammenstellung sicherlich, aber wahrlich einseitig und unzureichend. Es macht den Eindruck, als ob der Verfasser sich besonnen hätte, was er alles weiss und dies, je wie es ihm eingefallen, hingeschrieben hätte. Es sind sicherlich eine Reihe von Forderungen darunter, die man nur aufstellen kann, wenn man das Wesen der Bildung völlig verkennt; und zweitens ist

¹) Schmid's Encyklopädie, p. 658:Man redet ferner von gebildeten Ständen im Gegensatz zu den ungebildeten. Hier zwar sind nicht nur zerfliessende Grenzen, sondern auch wirkliches Vorurteil und Verdunkelung des Begriffes läuft mit unter. Gebildet nämlich pflegen sich selbst immer die bhöheren Stände gegenüber den niederen und ebenso die ge- lehrten den minder gelehrten gegenüber zu nennen und verstehen darunter je ihren StandesWissens oder den Vorzug ihres geselligen Benehmens. So wer in den vornehmeren Kreisen sich zu bewegen gewöhnt ist, sieht den ungelenken Bürgers- mann oder Gelehrten unter sich, umgekehrt der Gelehrte den Hofjunker etc. etc.

*) Deutsche Zeit- und Streitfragen. Neue Folge. Heft 67.Wer nur in die Anfänge des Könnens hinein- geblickt, wer von der Schwierigkeit tüchtigen Wirkens nie einen Begriff bekommen hat, bleibt rücksichtslos und an- spruchsvoll gegen Andre, absprechend und vorlaut gegen ihre Leistungen, für sich selbst aber ein Stümper und nichts- nutziger Hans in allen Gassen. Vergl. das oben gegebene Zitat von Cauer, Staat und Erziehung.

³) Aus der Hallenser Erklärung:Das Wesen der Bildung besteht in der durch den Schulunterricht eventuell erworbenen Fähigkeit wissenschaftlich zu arbeiten, nicht in der gedächtnissmässigen Aufnahme von Einzelkenntnissen, die alsbald wieder vergessen werden. Muss diese Fähigkeit durch Schulunterricht erworben werden? Ist denn die aka- demische Bildung mit Bildung überhaupt identisch?

¹) Dieser hat im wesentlichen dadurch eine falsche Bedeutung erhalten, dass man ihn verwechselte mit Begriffen wiegelehrte Bildung oderakademische Bildung. Bei diesen ergiebt sich durch die Bestimmtheit der Grenzen ein wirklich unterscheidendes Merkmal, das eine strenge Scheidung zulässt. Aber für den Begriffhöhere Bildung ist diese Scheidung ganz ohne Bedeutung. Doch auch in der Hallenser Erklärung heisst es missbräuchlich:Ist die Universität noch eine universitas literarum, eine Bildungsstätte für jeden, der Anspruch auf sogenanntehöhere Bildung macht? und Der wissenschaftliche Charakter ist der Kern jeder höheren Berufsbildung überhaupt.