sondern als den Ausfluss seines freien Willens ansieht. Und so ist Charakter also identisch mit gemütlicher Bildung. Gerade hier ist durch das Hervorheben eines untergeordneten Punktes die ursprüngliche Bedeutung einigermassen verwirrt worden, man hat die Stetigkeit des Bemühens für das Vollendete genommen und verknüpft infolgedessen mit dem Ausdrucke vorzugsweise den Begriff der Energie resp. umgekehrt mit dem der Energie denjenigen des Charakters. Auch der Gegensatz zu den Gefühlen, in den man den Charakter ganz willkürlich gesetzt hat, ist für die Auffassung des Wortes entscheidend gewesen. Ja so äusserlich ist die Auffassung geworden, dass die Geradheit, die den Charakter auszeichnet und die sich wohl auch hier und da im Benehmen zeigt, Veranlassung gegeben hat, durch ein mehr grobes, als gerades Wesen den Anschein des Charakters für sich zu erwecken, ja dass man den gesellschaftlich Gebildeten argwöhnisch betrachtet, da ihm dieses schein- bare Zeichen des Charakters abgeht. Doch wir werden durch diese Erwägungen hinüber geleitet zu demjenigen, das wir oben als das äussere Produkt der inneren Bildung und insofern als einen Teil der inneren Bildung bezeichneten, zu der gesellschaftlichen Bildung, der zum Schlusse noch einige Worte gewidmet werden sollen.
Sie ist es, in der vorzugsweise die harmonische Ausgestaltung der verschiedenen Seiten des menschlichen Wesens in Evidenz tritt. Ohne intellektuelle und gemütliche Bildung ist sie ein tönendes Erz, ohne äusserliche Bildung ein ungeschliffener Diamant. Aeusserliche und innerliche Bildung und von dieser wieder die verschiedenen Seiten müssen sich zu einem harmonischen Ganzen vereinigen, wenn von einer wahren gesellschaftlichen Bildung die Rede sein soll, und insofern kann sie auch als wahre allgemeine Bildung bezeichnet werden. Fassen wir noch einmal kurz zusammen, so können wir sagen, die intellektuelle Bildung ist die Fähigkeit, über die Grenzen des eigenen Berufes hinaus objektiv urteilen zu können: die gemütliche Bildung die Fähigkeit, seine Person den objektiven Forderungen der Allgemeinheit unterordnen zu können: die gesellschaftliche Bildung der bewusste Ausdruck dieser Fähigkeiten im äusserlichen Sichgeben.¹) Mit einem Worte können wir die Bildung charakterisiren durch den Spruch:„Homo sum; nihil humani a me alienum puto.“
¹) Wenn von verschiedenen Seiten zu dem Begriff Bildung auch die Ausbildung eines reinen Gemüts, eines humanen Sinnes gerechnet wird: oder von anderen neben religiöser Gesinnung auch Wahrhaftigkeit und Vaterlandsliebe besonders erwähnt werden, so geht aus meinen Ausführungen hervor, dass diese Forderungen nur einzelne Momente der gemittlichen Bildung, die im Pflichtbewusstsein gipfelt, sind und deshalb keiner besonderen Hervorhebung bedürfen.


