Aufsatz 
Gedanken über das Wesen der Bildung / von Heinrich Schotten
Entstehung
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Fassen wir also die Bildung in dem oben ausgeführten Sinne auf, unter völliger Aner- kennung der Gleichberechtigung der verschiedenen Gebiete der Bildung, so werden wir nicht nur dem Gesetze der Bildung, das Objektivität fordert, genügen, sondern auch Gerechtigkeit üben gegen alle, sei es, dass sie sich gemäss ihren natürlichen Anlagen zu diesem oder jenem Gebiete der Bildung hin- gezogen fühlen und demgemäss sich demselben widmen: nicht die Gebiete der Bildung schaffen eine Verschiedenheit der Bildung, sondern die verschiedenen Stufen derselben aber auch diese nur in Hinsicht auf die intellektuelle Bildung. Vor allem aber erfordert es die Gerechtigkeit gegen das weibliche Geschlecht, nicht einseitig ein gewisses Bildungsgebiet als das allein seligmachende zu preisen: würden wir uns auf den Lasson'schen Standpunkt stellen, so würden wir mit einem Schlage dem weiblichen Geschlechte ebenso wie jedem Nichtphilologen jede Bildung absprechen. Es wird zur Klärung der vorliegenden Frage beitragen, einige konkrete Beispiele zu betrachten, um an ihnen den gewonnenen Standpunkt in der Frage der intellektuellen Bildung näher zu beleuchten.

Was verstehen wir unter einergebildeten Frau? Doch hoffentlich weder eine Frau, die griechische oder lateinische Kenntnisse hat, noch eine solche, die über die Keplerschen Gesetze etwa genau unterrichtet ist. Ja es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn als allgemeingültig angenommen wird, dass eher noch realistische Kenntnisse als humanistische verlangt werden. Aber genau genommen werden wir von derartigen besonderen Kenntnissen hier ganz absehen und nur verlangen, dass die Frau im Stande ist, mit Urteil auf die den Verstand bewegenden Fragen einzugehen und unter möglichster Vermeidung der subjektiven(einseitigen) Beurteilung eine objektive Auffassung walten zu lassen. Die Möglichkeit objektiver Beurteilung und von subjektiven Vorurteilen freier Auf- fassung ist hier identisch mit Bildung. Dass zu einer solchen objektiven Beurteilung Kenntnisse nötig sind, wird unbestritten sein, dass die Objektivität sich mit dem Masse der Kenntnisse erhöhen wird, ebenso: aber völlig gegenstandslos ist die Frage nach der Art der Kenntnisse: es würde ein ganz fremdes Moment in die Beurteilung der Frage hineingetragen werden, das nur geeignet sein würde, die Erörterung der Frage zu verwirren.

Als ein anderes Beispiel möge folgendes dienen. An einen gebildeten Handwerker wird man ebensowenig die Forderung richten dürfen nach bestimmten Kenntnissen in Grammatik oder Natur- lehre wie im vorigen Beispiel: der gebildete Handwerkeri) wird sich vor seinem ungebildeten Kollegen dadurch auszeichnen, dass er befähigt ist, infolge seiner Ausbildung in seinem Fach das, was zu seinem Handwerk gehört, objektiv beurteilen zu können z. B. auch den Geschmack des Publikums auf Grund von Kenntnissen, die er sich erworben; die Fähigkeit objektiv zu urteilen wird ihn weiter in den Stand setzen selbständig und nicht schablonenmässig zu arbeiten. Hat er aber in einem Fache nach diesen Grundsätzen eine gewisse Stufe der Bildung erstiegen, so wird er auch die Möxglichkeit

Aufnahmeprotokolle, von Medizinern geschriebene Krankheitsberichte, man lese mathematische, physikalische, selbst gewisse geographische und geschichtliche Handbücher und Einzelaufsätze.....*Alle diese Verfasser sind doch gemäss unseren Gesetzen sprachlich gebildet. Man vergleiche einmal Lehrbücher des Auslandes mit deutschen und erinnere sich, dass die sprachliche Bildung ja gerade in Deutschland besonders gepflegt wird. Das spricht alles gegen Lassons Behauptungen. Es mögen übrigens noch folgende Zitate hier eine Stelle finden, da sie geeignet sind, zur Beleuchtung der Lasson'schen Ansichten zu dienen:Der Begriff der wahren humanistischen Bildung deckt sich keineswegs mit dem der philologischen Bildung.Der heutige Begriff der klassischen Bildung kann dem früheren nicht mehr entsprechen. Es gehört dazu nicht nur Verständnis für das Altertum, sondern auch für Mittelalter und Neuzeit, vor allem Herzens- und Charakter- bildung. Diese Elemente der wahren humanistischen Rildung liegen völlig ausserhalb des Bereichs der grammatischen Studien. Man vergleiche hier wie an verschiedenen anderen Stellen: Humanismus und Schulzweck Von F. Pietzker; Oberlehrer am Gymnasium zu Nordhausen. ¹) Es ist hier von der intellektuellen Bildung an sich die Rede, nicht etwa vonallgemeiner Bildung.