Aufsatz 
Gedanken über das Wesen der Bildung / von Heinrich Schotten
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Es zeigt sich also, dass wir bei der Anwendung im Leben den Begriff Bildung an Umfang einschränken müssen, um ihm einen grösseren Inhalt zu geben, wir dürfen aber nicht vergessen, uns dessen bewusst zu sein, da der Begriff sonst Gefahr läuft, verworren und dunkel zu werden.

Wie wir aus der oben angedeuteten Beschränkung des Umfangs die verschiedenen Stufen der Bildung resultieren sahen, so ergeben sich aus einer andern Art der Einschränkung des Begrifts drei wesentlich von einander verschiedene Gebiete der Bildung, die jede für sich in höchster Vollkommenheit genommen zusammen den Idealbegriff Bildung ausmachen.

Diese verschiedenen Gebiete ergeben sich aus der Betrachtung der verschiedenen bildungs- fähigen Elemente des Menschenwesens,¹) so dass wir durch erste Einschränkung des Umfangs äusserliche ¹) und innerliche Bildung erhalten. Die letztere zerfällt wiederum in eine doppelte: 1) die geistige Bildung(Bildung des Verstandes, intellektuelle Bildung), die als einen besonderen Bestand- teil auch die Bildung der Sinne enthält; 2) die gemütliche, seelische Bildung(Bildung des Herzens, kordiale Bildung), wozu auch, wie ausdrücklich hervorgehoben werden möge, die sittliche(moralische) Bildung, die Bildung des Charakters gehört. Diesen beiden Arten möchte ich noch eine dritte gesellen, die ich als gesellschaftliche Bildung(soziale Bildung) bezeichnen möchte.

Bei dieser Beschränkung des Umfanges des Begriffes ergeben sich also drei resp. vier Arten der Bildung, deren Unterschied naturgemäss im Leben kein so augenfälliger ist, wie er hier durch die Zerlegung des Begriffes zu Tage tritt. So werden geistige und soziale Bildung, oder gemütliche und soziale wohl immer mehr oder weniger Hand in Hand gehen. Auch die äusserliche Bildung wird teils mit der geistigen, teils mit gemütlicher Bildung verbunden zu denken sein, während sie (die äusserliche Bildung) allerdings dem, was ich als soziale Bildung bezeichnet habe, da, wo sie ohne geistige und gemütliche Bildung für sich vorkommt, ganz fern steht. Die soziale Bildung kann am passendsten als das äussere Produkt intellektueller und kordialer Bildung angesehen werden, gewissermassen als dasjenige, worin die beiden anderen Arten der inneren Bildung in Evidenz treten. Nur insofern gehört sie auch zu der inneren Bildung und gewährt die Berechtigung auf den Namen Bildung. Gerade hier liegt eine häufig vorkommende fälschliche Anwendung des Begriffes Bildung vor, indem man sich angewöhnt hat, diejenigen, die einen gewissen äusseren Schliff sich an- geeignet haben, als Gebildete zu bezeichnen. Ohne Berechtigung: denn nur wenn das innere Benehmen, das als gebildet bezeichnet wird, der Ausfluss der inneren geistigen und gemütlichen Bildung ist, ist es wirkliche gesellschaftliche Bildung und verleiht insofern die Berechtigung auf den Anspruch, gebildet zu heissen.

Es ist charakteristisch, dass man gerade auf die gesellschaftliche Bildung einen solchen Wert gelegt hat, dass sie als das Massgebende angesehen zu werden pflegt; daneben hat sich dann in der Hauptsache der Gebrauch des Wortes Bildung für die intellektuelle Bildung ergeben, wälirend man die kordiale vieltach ganz unberücksichtigt gelassen hat; dem aber, was oben als äusserliche Bildung bezeichnet wurde, pflegt allgemein der Charakter der Bildung überhaupt abgesprochen zu werden. Eine eingehendere Betrachtung des vorliegenden Begriffes wird aber diese Seite der Bildung nicht übersehen dürfen. Es ergiebt sich danach eine Behandlung des Themas, die zuerst diese ver- schiedenen Arten der Bildung jede für sich betrachtet; da nun nach dem jetzt bei uns herrschenden Gebrauche des Wortes Bildung im wesentlichen der intellektuelle Teil in Berücksichtigung gezogen wird, so soll auch von diesem zuerst gehandelt werden.

¹) Der Mensch gewissermassen als der Stoff betrachtet, wie der Marmor der Stoff zum Bildwerk ist. ²) Hierunter ist jede Art von manueller Bildung zu verstehen, wie überhanpt jede körperliche Fertigkcit, aber auch Anmut der Bewegungen und harmonische Ausbildung der Körperkräfte.