Aufsatz 
Gedanken über das Wesen der Bildung / von Heinrich Schotten
Entstehung
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Vollkommenheit existieren oder gedacht werden kann, wie z. B. die geometrischen Raumgebilde. Wie diese nun als Ideale uns vorschweben, die als solche eben keine reale Existenz haben können. sonst wären sie keine Ideale so ist auch der Begriff Bildung ein Idealbegriff. Ein vollkommen gebildeter Mensch zu sein ist ebenso unmöglich, wie ein vollkommener Christ zu sein.¹) Der Ein- zelne kann sich diesen Idealzuständen mehr oder weniger nähern,²) aber sie zu erreichen ist für ihn unmöglich.

Dies vorausgeschickt ist nun klar, dass das Wort Bildung,) wie es gewöhnlich angewendet, wird, anders verstanden wird, besonders wenn wir den Ausdruckallgemeine Bildung hören. Man hat sich von demallgemeinen Gebrauch¹) des Begriffes abgewendet zu dembesonderen. Da- durch hat der Begriff an Umfang verloren, aber an Inhalt gewonnen. Jedoch sind über den Inhalt dieses Begriffes die Ansichten so schwankend, dass zur Klarstellung desselben es als erste Aufgabe erscheinen muss, den notwendigen Umfang nicht allein festzustellen, sondern auch die Fragen zu erörtern, ob dieser Umfang nun ein fest begrenzter ist und ob gleicher Weise ein ganz bestimmter Gehalt in dieser Grenze eingeschlossen sein müsse. Nach beiden Seiten hin werden wir zu einem negativen Resultate kommen. Der Umfang ist weder ein fest begrenzter, deshalb giebt es ver- schiedene Stufen der Bildung, noch hat er bei gleichen Grenzen denselben Gehalt, deshalb giebt es verschiedene Zweige oder Arten(Gebiete) der Bildung. Dagegen wird allerdings ein Minimum des Umfangs festgestellt werden müssen, wodurch wir einen bestimmten Inhalt des Begriffes erhalten, das wir allgemein alsFachbildung Fach im weitesten Sinne gebraucht bezeichnen wollen.)

Sehen wir nun zu, durch welche Rücksichten der reine Begriff eingeengt wird, an Umfang verliert. Zuerst ist der Begriff ein verschiedener bei den verschiedenen Völkern, nicht nur bei denen, die zu verschiedenen Zeiten gelebt haben, äuch bei den gleichzeitig lebenden wobei selbst- verständlich nur diejenigen Völker ia Betracht kommen können, die der Bildung nachstreben, die sogenannten Kulturvölker.) Dann ist der Begriff bei den einzelnen Völkern selbst wieder zu ver- schiedenen Zeiten ein verschiedener gewesen?); endlich haben wir die Bildung der verschiedenen Geschlechter zu unterscheiden.)

¹) Ja es muss von unserem Standpunkte aus geradezu das vollkommene Christentum als eine Vorbedingung für die vollkommene Bildung angesehen werden.

2) Betrachtet man ein Volk als Ein Ganzes, so wird dieses schon eher sich dem Zustande der Vollkommenheit nähern können, da die einzelnen Individuen als ebensoviele bildungsfähige Organe aufgefasst werden können; aber erreichen wird auch ein Volk den Zustand der vollkommenen Bildung nicht.

³) Ursprünglich ist ja wohl der Ausdruck rein äusserlich gebraucht worden. Z. B. der Bildhauer bildete aus dem rohen Marmorblock das Bildwerk. Es liegt also in dem Ausdruck der Gegensatz zum Zustande der Rohheit.

) Vergl. Kant, Logik(a. a. O. p. 269).

5) Selbstverständlich handelt es sich hier nicht um das, was wir alsallgemeine Bildung bezeichnen; diese steht gerade in vollem Gegensatze zur Fachbildung.

) Schmid's Encyklopädie, Bd. I. p. 685.(Ausgabe 1859.)Die Begriffe Wissenschaftlichkeit, Sittlichkeit, Ge- schmack u. a., welche mit dem Begriff Bildung verwandt sind, lassen eine absolute Bestimmung zu, der Begriff der Bildung hingegen nicht; deun es ist diesem wesentlich, dass ihn die Zeit, das Leben bestimmt. Jene ersteren haben ein absolntes Ideal, diese ein relatives, durch die geltenden Forderungen der jedesmaligen Gegenwart modifiziertes; deswegen ist der Begriff der Bildung im Flusse begriffen, zu jeder Zeit wieder ein anderer, wenn gleich jedesmal ein bestimmter.

*) Man braucht deshalb eine Bestimmung wiemoderne Bildung nicht.Selbstverständlich ist die moderne Kultur das natürliche Ergebnis der Kulturzustände in den vor unserer Zeit liegenden Perioden, und eine gewisse Kenntnis dieser Zustände ist ein wesentliches Element der tieferen Bildung auf jedem Gebiete.

s) a. a. O.eine Frau darf die Kenntnis vieler Dinge entbehren, die dem Manne, wenn er nicht verlacht werden will, unerlässlich sind, ohne dass sie den Namen einer gebildeten Frau verscherzt.