Aufsatz 
Gedanken über das Wesen der Bildung / von Heinrich Schotten
Entstehung
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s mag als ein gewagter Versuch erscheinen, einen so umfassenden, allgemeinen Begriff, wie den der Bildung, zu behandeln.¹) Da jedoch dieser Begriff jetzt so mannigfach an- gewendet wird, dass man ihn täglich und fast in Aller Munde findet, dürfte es vielleicht,

nicht überflüssig sein, einerseits aus den verschiedenen Ansichten dasjenige auszuwählen,

was so ziemlich übereinstimmend von Allen mit diesem Begriffe verbunden wird: andererseits die ursprüngliche Bedeutung desselben aufzusuchen und in Vergleich mit der herrschenden Ansicht zu setzen.

Selbstverständlich wird von dem doppelten Gebrauch, der an und für sich von dem Worte Bildung gemacht werden kann, indem man es nämlich sowohl für die Thätigkeit²) des Bildens, wie auch für das Ergebnis dieser Thätigkeit, für etwas Fertiges(das Produkt der Erziehung) ansieht, ab- gesehen werden müssen; nur von dem letzteren soll hier gesprochen werden, von der Bildung als etwas Fertigem, nämlich als dem Produkte der Erziehung. ¹)

Der reine Begriff Bildung als solcher gehört zu den Idealbegriffen,¹) d. h. er bezeichnet etwas, das uns als Ideal, also als etwas Unerreichbares vor Augen steht. Zur Erläuterung des gebrauchten AusdrucksIdealbegriff möge ein recht triviales Beispiel eines entgegengesetzten Be- griffes dienen: der Begriff Tisch. Man möge versuchen, eine erschöpfende Definition dieses Begriffes aufzustellen, um zu erkennen, wie ausserordentlich schwierig sich diese Aufgabe gestaltet: und doch weiss Jeder, was er unter dem Begriffe Tisch zu verstehen hat und andererseits ist das, was wir als Tisch bezeichnen, wirklich in jedem einzelnen Falle ein Tisch, nicht etwa wegen verschiedener Unvollkommenheiten oder wegen der Verschiedenartigkeit der Anfertigung etwas anderes als Tisch. Bildung dagegen muss ganz abstrakt(rein) aufgefasst werden als etwas, das nur in absoluter

¹) Verfasser hat mit Absicht den TitelGedanken über das Wesen der Bildung gewählt, um dadurch anzu- deuten, dass er keineswegs beansprucht, durch seine Ausführungen eine erschöpfende Darstellung des Begriffes zu geben, sondern nur einen Beitrag zur Definition liefern will.

2) Meistens finden wir unterschieden inWerdendes undGewordenes(Produkt). Doch ist ersichtlich, dass darin kein wesentlicher Unterschied liegt, sondern dass es sich bei dieser Unterscheidung nur um verschiedene Stadien eines und desselben handelt.

³) Kant bedient sich des Ausdrucks Bildung noch in dem ersteren Sinne. Es heisst in der Einleitung seiner Pädagogik, p. 371(Ausgabe Rosenkranz u. Schubert, Leipzig 1838, Bd. 9):Der Mensch braucht Wartung und Bildung. Bildung begreift unter sich Zucht und Unterweisung.

4) Man vergl. Kant, Logik, p. 270 ff.(Ausgabe s. o- Bd. 3.)