12 Schulze, hervorragend nicht allein als Biographie, sondern anch als ein Stück Schul- ja auch Welt- geschichte. Leider konnte H. Varrentrapp unserer Einladung nicht folgen und hier unseren Dank für das, was er für unsere Schule geleistet hat, mit eigenen Ohren entgegennehmen. So sage ich ihm aus der Ferne herzlichen Dank. Keine Zeit unserer Schule ist so hell erleuchtet wie die kurze Spanne, da Schulze, teilweise in Gemeinschaft mit dem Dichter PFriedrich Rückert, für unsere Anstalt wirkte.
Ob seine Pläne nach seinem Weggang von hier Verwirklichung fanden, weibß ich nicht zu sagen. Erst zu Anfang der 30er Jahre unternahm die kurhessische Regierung die Umgestaltung ihrer Anstalten nach preußischem Muster. Damit wurde die Klassenzahl, die 1813 von fünf auf vier(mit zuletzt 70 Schülern) erniedrigt war, zunächst wieder auf fünf(mit 108 Schülern), 1833 auf sechs(mit 126 Schülern) erhöht. Zeitweilig gingen die unteren Klassen, 1853 vorübergehend die Prima aus Mangel an Schülern ein. Die Protokolle aus jener Zeit lassen wenig über den Betrieb der Schule erkennen: Aufnahmen, Versetzungen, Fehlerzeichen, Lektüre, Ferienbeginn, Lehrbücher ist der regelmäßig wiederkehrende Inhalt. 1854 erfolgt der Beschluß, daß die Primaner mit„Sie“ angeredet werden. 1855 wird der Turnunterricht als Pflichtlehrgegenstand für die drei unteren Klassen eingeführt. Die 1857 von dem Ministerium vorgeschlagene Wiedereinführung wahlfreien Turnunterrichtes für die oberen Klassen wird wegen Mangels eines Platzes und eines Turnlehrers abgelehnt. Die Strafen aus jener Zeit sind zahlreich und recht hart. Eintägige, zweitägige, drei- tägige Karzerstrafen kommen vor, zuweilen verschärft durch den Zusatz„bei Wasser und Brot“. Am 7. September 1854 wird sogar eine sechstägige, zur Hälfte in den Ferien zu verbüßende Karzerstrafe verhängt.
Die Überführung der Anstalt in die preubisehe Schulverwaltung vollzog sich nach 1866 sehr leicht, waren doch die hessischen Anstalten so ziemlich nach preußischem Schnitt eingerichtet. Freilich, der in Preußen zuerst als die Blüte der Gymnasialbildung hochgepriesene und dann auf einmal mit Füßen getretene lateinische Aufsatz wurde, zu meiner Zeit wenigstens, in der Reife- prüfung nicht verlangt. Im System trat eine Anderung insofern ein, als gründliche Revisionen durch schultechnische Beamte eingeführt wurden. Dazu wurden manche Fächer, die vorher nur auf dem Plan gestanden hatten, ernstlicher betrieben, und von diesen Anderungen her datiert viel- leicht die früher in Hessen wenig gehörte. Klage wegen UÜberbürdung.
Die letzte Stufe der Entwickelung hat unsere Anstalt als preußisches Gymnasium mit denen der ganzen Monarchie zusammen durchgemacht. Sie ist eigentlich noch zu neu, als daß man darüber abschließend urteilen dürfte. Neben dem humanistischen Gymnasium sehen wir die Realgymnasien und Oberrealschulen, neben den alten Anstalten die Reformanstalten fast durch- sehend mit gleichen Berechtigungen ausgestattet. Jede Schule kann ihre Eigenart pflegen, jeder Schüler seiner Anlage und seiner Neigung entsprechend sich seine Anstalt aussuchen. Manche tüchtige Kraft, die für die alten Sprachen keine besondere Vorliebe zeigt, aber auf anderen Gebieten hervorragend ist, braucht nicht mehr seitab zu stehen, sondern kann auch im Staatsdienste ihre Stätte finden.
Aber innerhalb dieses freien Wettbewerbs sind, so will es mir scheinen, anch dem Gym- nasium in dem Betriebe der alten Sprachen zu den alten noch neue Ziele erwachsen. Wenn es früher das Altertum mehr um des Altertums selbst willen studierte, so sollte es jetzt mehr suchen, an den einfacheren, durchsichtigen Verhältnissen des Altertums seinen Schülern die Verhältnisse der Gegenwart klar zu machen, überall, wo es ohne Zwang geht, zumal auf den oberen Lehrstufen für die einzelnen Fragen, die unsere Zeit bewegen, das Verständnis aus den Verhältnissen des Altertums anzubahnen, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu verknüpfen. Dazu sind nicht


