1 Die jetzt von Jena her nach Frankreich zogen.
Das erste Wort in dieser hohen Halle. Die sich so freundlich heiter hat geschmückt, Nach Lob und Dank, der Gott dem Herrn gebührt, Sei heut ein Gruß, ein herzliches Willkommen Euch allen, die ihr seid von fern und nah Herbeigeeilt, der„hohen Landesschule“ Dreihundertjähr'ges Jubelfest zu feiern, Das Jahr, in dem ein hochgesinnter Fürst, Der Hanaus Neustadt auch zuvor gegründet, Graf Philipp Ludwig,„stift die Schul“, Wie es der Stein erzählt an ihrer Pforte.
Was klug ersonnen und geplant, es harrte Jahrzehnte lang der krönenden Vollendung. Die Zeit war schwül, und ein verderbenschwangrer, Unsel'ger Geist schritt durch das deutsche Land. Der Stifter starb zu früh, und dreibig Jahre Des unheilvollsten aller deutschen Kriege Erfüllten Dorf und Stadt mit Blut und Jammer. Noch ragten nur die Quadern rings empor Des Unterbaus, als Hanau ward die Beute Der Kaiserlichen erst und dann der Schweden. Die Namen Ramsay, Lamboy, Güldenborn Kennt jedes Kind der Stadt noch heutzutage, Und auch den edlen Nordlandkönig selbst Sah'n unsrer Schule Mauern hier verweilen. Auch jener Knabe hat auf sie geschaut, Ihr kennt ihn alle, den Simplicius, Der aus des Spessarts Wäldern stieg hernieder In die ihm fremde, blutgetränkte Welt, Der hier in Hanau viel des Wunderbaren Erlebte, sprach und tat, und dem wir's danken, Wenn jenes Krieges grauenvolle Bilder Unheimlich lebhaft uns vor Augen stehn. Doch als das„edle Fried- und Freudenwort“ Nun endlich war erschollen durch das Land, Da ward vollendet des Gymnasiums Bau- Und zu der„hohen Landesschule“ er geweiht, Durch Priedrich Casimir, den zweiten Gründer. Wie diese Schule das, was ihre PFürsten Von ihr gehofft, gewünscht für Stadt und Land, Durch drei Jahrhunderte bemüht gewesen In treuer Arbeit redlich zu erfüllen, Das euch zu sagen ist nicht Zweck und Sinn V Der anspruchslosen Worte der Begrüßung. Doch wie der unruhvollen Zeiten Wogen Auch weiter noch an ihre Mauern drangen, Laßt kurz berichten. Als vor hundert Jahren Napoleon den Preubenstaat in Trümmer Geschlagen hatte und sein Ileer vernichtet, Da wanderten die Bürger unsrer Stadt Zur Landesschule hin, mit Speis und Trank Und Kleidungsstücken reich versehen, um hier Der preuß'schen Kriegsgefangnen Los zu lindern,
Der Waffen Lärm hieß oft die Musen schweigen In jener schweren Zeit, und nach der Schlacht, Die Hanaus Namen trug in alle Welt,
War unser Schul- und Spielplatz reich besät
Mit Dutzenden französischer Granaten.
Ja, die unschuld'ge Fahne auf dem Türmchen, Von wo dem Gang der Schlacht man eifrig folgte, Ward durch'ne Kugel in die Stadt geschleudert.
Der Zeiten Ungunst hat es nicht gelitten, Daß auch die Jugend unsrer Landesschule Hinausziehn durfte in den heil'gen Kampf PFür unsers Vaterlandes Ehr' und Freiheit. Doch ihrer Lehrer einer sandte Krieger In diesen Kampf und sang die trotz'gen Worte: „Der Mann ist wacker, der sein Pfund benutzend „Zum Dienst des Vaterlands kehrt seine Kräfte, „Nun denn, mein Geist, geh auch an dein Geschäfte, „Den Arm mit den dir eignen Waffen putzend.— „Wie kühne Krieger jetzt, mit Glutblick trutzend, „In Reihn sich stellend, heben ihre Schäfte, „So stell auch Krieger, zwar nur nachgeäffte, „Geharnischter Sonette ein paar Dutzend!— Auf denn, die ihr aus meines Busens Ader „Aufquellt wie Riesen aus des Stromes Bette, „Stellt euch in eure rauschenden Geschwader!— „Schließt eure Glieder zu vereinter Kette „Und ruft, mithadernd, in den großen Hader „Erst: Waffen! Waſfen! und dann: Rette! Rette!“—
Und als die Waffen alle Schmach getilgt, Da kam der Friede— und die Friedenszeit Für unsre Schule auch und unsre Stadt.
Nicht ungestört zwar floß der Arbeit Strom
In Ruhe fort. Die Revolutionen
Des Nachbarlandes warfen ihre Wellen
Auch über Hanau hin und seine Bürger,
Doch nie durchtobte mehr der rauhe Krieg Dies sonn'ge Tal. Und als die Stunde kam, Da unsres Volks Geschick sich sollt erfüllen, Zog Preußens Heer ins Land und in die Stadt, Und mit ihm gingen wen'ge Jahre drauf
Auch unsre Schüler in den letzten Kampf
Pür Deutschlands Ehr' und Einigkeit und Gröbe.
Ein neues Leben blühte nach dem Siege, Ein schön'res auf im neuen Vaterland. Und auch der hohen Landesschule Baum, Ehrwürdig alt, doch unerschüttert stark, Treibt neue Blüten stets von Jahr zu Jahr, Und schattet fernhin über Stadt und Land.
Sie blühe fort manch weiteres Jahrhundert Zur Ehre Gottes und des Vaterlands— Und unsrer Stadt! Und unter allen Schätzen, Die diese birgt an Silber und an Gold, An Diamanten, Saphirn und Rubinen, Sei sie der edelste, der schönste Stein!


