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Napoleon war beim Heraustreten sehr bewegt, mit Thränen im Auge reichte er dem Kronprinzen die Hand, und dankbar gedachte er der grossmütigen Güte und Milde, mit welcher König Wilhelm ihm begegnet war. Wie so ganz anders diese Zusammenkunft am 2. September 1870 und jene Begegnung in Tilsit am 5. Juli 1807, wo die Königin Luise sich vor dem korsischen Emporkömmling demütigte. Wie übermütig, wie hochfahrend trat jener der unglücklichen Königin gegenüber, wie schonend und milde ihr Sohn, König Wilhelm, seinem überwundenen Gegner, dem Neffen des ersten Napoleon!
Von seinem kaiserlichen Gefangenen hinweg ritt der König noch denselben Nachmittag über das weite Schlachtfeld und sass noch fünf Stunden ununterbrochen im Sattel, überall von stürmischem Jubel begrüsst. Erst in später Nacht kehrte er in sein Quartier nach Venderesse zurück. So endigte der denkwürdige 2. September.
Am 3. September ging Napoleon mit Gefolge nach Deutschland ab, wo ihm der König das Schloss Wilhelmshöhe zum Aufenthalt angewiesen hatte; hier ward er mit aller Rücksicht und mit allen fürstlichen Ehren behandelt. Da blieb er bis zum Ende des Krieges, in dem- selben Schloss, in welchem einst sein Oheim, jJerome, der Bruder des ersten Napoleon, als König von Westfalen seine Residenz gehabt hatte und das während jener Zeit, 1807— 13, wie wir Bewohner von Cassel nicht leicht vergessen werden, den Namen Napoleonshöhe hatte an- nehmen müssen.
Nur noch einiger weniger Worte sei gedacht aus dem Briefe, welchen König Wilhelm am 3. September an die Königin geschrieben hat, denn sie zeigen uns so recht deutlich, wie der König die Ereignisse auffasste:„Du kennst nun“, so beginnt dieser denkwürdige Brief, „durch meine drei Telegramme den ganzen Umfang des grossen geschichtlichen Ereignisses, das sich zugetragen hat. Es ist wie ein Traum, selbst wenn man es Stunde für Stunde hat abrollen sehen. Wenn ich mir denke, dass nach einem grossen glücklichen Kriege ich während meiner Regierung nichts Ruhmreicheres mehr erwarten konnte und ich nun diesen weltge- schichtlichen Akt erfolgt sehe, so beuge ich mich vor Gott, der allein mich, mein Heer und meine Mitverbündeten ausersehen hat das Geschehene zu vollbringen und uns zu Werkzeugen seines Willens bestellt hat. Nur in diesem Sinne vermag ich das Werk aufzufassen und in Demut Gottes Führung und seine Gnade zu preisen.“
Der Brief gibt in gedrängter Kürze ein Bild der Schlacht und ihrer Folgen und schliesst mit den Worten:„Der Empfang der Truppen, das Wiedersehen des dezimierten Garde- Corps, das alles kann ich dir heute nicht beschreiben; ich war tief ergriffen von so vielen
Beweisen der Liebe und Hingebung. Nun lebe wohl— mit bewegtem Herzen am Schlusse eines solchen Briefes.“
Es ist geradezu erhebend, aus solchen Worten und Ausserungen des Königs, die teil- weise doch für die Offentlichkeit gar nicht bestimmt waren, seinen edlen Sinn herauszulesen und kennen zu lernen. Das ist doch die höchste Lebensweisheit, die wir an ihm bewundern, die wir von ihm lernen können, die ein jeder für seinen Stand verwerten und anwenden kann, die Gewissheit: Gott hat mich auf den Platz gestellt, den ich einnehme; ihm bin ich verantwortlich dafür, wie ich ihn ausfülle; ihm gegenüber habe ich die Pflicht den Platz so gut auszufüllen, als ich es vermag. Aus dieser Gewissheit entspringt der frohe Lebensmut: Hier stehe ich und thue meine Pflicht und Schuldigkeit so lange, bis mich Gott abruft, wie ein Soldat, der seinen Posten nicht verlässt. Wer seinen Posten verlaâsst, wer flieht, der ist ein Mietling, der ist ein Feigling. Dies ist der Quell, aus dem die Kraft Grosses zu erreichen geschöpft worden ist und geschöpft wird. Und wir Deutsche können stolz darauf sein, dass der erste Kaiser des


