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Der König befand sich auf der steilen Hôhe über Donchery. Um die Mittagsstunde erschienen Bismarck und Moltke und legten dem König die vollzogene Urkunde über die Waffenstreckung der Franzosen vor. Der König las sie aufmerksam durch und liess sie dann seiner Umgebung vorlesen. Mit wie richtigem Blick er die Lage beurteilte, sehen wir aus den Worten, mit denen er die Ansprache an seine Umgebung schloss:„Unsere Aufgabe ist mit dem, was sich unter unsern Augen vollzieht, noch nicht vollendet, denn wir wissen nicht, wie das übrige Frankreich es aufnehmen wird. Darum müssen wir schlagfertig bleiben; schon jetzt sage ich jedem Dank, der ein Blatt zum Ruhmeskranz unseres Vaterlandes beigetragen.“
Nachdem er dann von hier aus die Siegesnachricht an die Königin Augusta nach Berlin gesandt, stieg er zu Pferde, um die Höhe hinabzureiten nach dem Schlösschen Bellevue in der Nähe von Donchery, wo Kaiser Napoleon, nunmehr als sein Kriegsgefangener, seiner wartete.
Dieser hatte nämlich schon morgens in aller Frühe um 5 Uhr die Festung verlassen, um sich in die Gewalt— und wir dürfen hinzusetzen, in den sichern Schutz— des grossmütigen Siegers zu begeben, denn, dass er in dem Machtbereich König Wilhelms besser und sicherer aufgehoben sein würde als unter seinen gedemütigten und ihn jetzt verwünschenden Franzosen, das wusste er. Er hatte gemeint, er würde den König in Donchery finden; das war nun frei- lich nicht der Fall, aber mit Bismarck traf er schon unterwegs zusammen. Dieser erzählt uns von dem Zusammentreffen selbst in einem Brief an seine Gemahlin:„Um 5 Uhr weckte mich der General Reille, um mir zu sagen, dass Napoleon mich zu sprechen wünsche. Ich ritt unge- waschen und ungefrühstückt auf Sedan zu und fand den Kaiser im offenen Wagen mit mehreren Adjutanten. Ich sass ab, grüsste ihn ebenso hôflich wie in den Tuilerien und fragte nach seinen Befehlen. Er wünschte den König zu sehen. Auf seine Frage, wohin er sich begeben sollte, bot ich ihm mein Quartier in Donchery an. Er nahm es an und fuhr, von seinen sechs Franzosen und von mir geleitet, durch den einsamen Morgen nach unserer Seite zu. Vor dem Orte wurde es ihm leid wegen der Menschenmenge, und er fragte mich, ob er in einem ein- samen Arbeiterhause am Wege absteigen könne. Ich stieg mit ihm eine gebrechliche enge Stiege hinauf. In einer Kammer von 10 Fuss Geviert mit einem fichtenen Tische und zwei Binsenstühlen sassen wir eine Stunde. Ein gewaltiger Contrast mit unserm letzten Beisammen- sein 1867 in den Tuilerien. Unsre Unterhaltung war schwierig, wenn ich nicht Dinge berühren wollte, die den von Gottes gewaltiger Hand Niedergeworfenen schmerzlich berühren mussten.“
Auch später hat Bismarck noch geäussert, die Unterhaltung sei geschraubt und lang- weilig gewesen und er habe nicht recht gewusst, was er sprechen sollte, wie ein verlegener Jüngling beim Tanze, der die Unterhaltung mit seiner Dame nicht in Fluss bringen kann.
Napoleon hatte sich dann nach dem Schlosschen Bellevue in der Nähe von Donchery unweit Frenois begeben, wo er auf die Ankunft König Wilhelms wartete; denn der König hatte, um dem besiegten Kaiser jede überflüssige Demütigung zu ersparen, das Anerbieten Napoleons zu ihm auf die Anhöhe hinauf zu kommen abgelehnt und sich sofort entschlossen ihn hier aufzusuchen. Nach 2 Uhr traf er mit dem Kronprinzen da ein. Der 73jährige Greis, ein Heldenjüngling in weissem Haar, kam auf seinem schwarzen Rappen herangesprengt; Napoleon, gebeugt, gebrochen an Leib und Seele, trat auf ihn zu, stumm reichten sich die beiden Herrscher die Hand und begaben sich durch die mit Glas gedeckte Veranda, in welcher der Kronprinz zurückblieb, in das Empfangszimmer des Schlösschens, allein, ohne Zeugen. Der König schreibt darüber:„Der Besuch währte ¼ Stunde. Wir waren beide sehr bewegt über dieses Wiedersehen. Was ich alles empfand, nachdem ich vor 3 Jahren Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht gesehen hatte, kann ich nicht beschreiben.“


