Sich um alles, grosses und kleines, zu bekümmern, in alles hineinzusehen, alles zu leiten oder wenigstens leiten zu helfen war ihm ein Bedürfnis des Pflichtgefühls; und wer nach einem Beispiel dessen suchte, was auf preussisch„Dienst“ heisst, der findet es in Kaiser Wilhelms täglichem Leben. Bis in die letzten lichten Augenblicke, bis in die Fieberträume seines Todes hinein verfolgte ihn der Gedanke an seine Amtspflicht...„Ich habe keine Zeit müde zu sein“, sagte er, als er die letzte Stunde kommen fühlte. In seinem ganzen Leben hatte er sich zum Müdesein wenig Zeit gegönnt. Wahrlich, eine Freude ist es für jeden Deutschen, solche Worte voll ehrender Aner- kennung aus dem Munde eines Ausländers jenseits des Weltmeeres zu vernehmen!
Doch wir kehren zum 2. September zurück. Mit Recht ist nicht der 1. September, der Tag des blutigen Ringens, sondern der 2. September, der Tag der Übergabe, der Tag des Dank- festes geworden. Denn an diesem Tage vollzog sich das Gottesgericht. Die letzte Armee des kaiserlichen Frankreichs, an 100,000 Mann, kam in deutsche Gefangenschaft, und der Kaiser Napo- leon III. legte den Degen, den er zum ungerechten Angriff gegen Deutschland gezogen, überwunden unserem König Wilhelm zu Füssen.
Verweilen wir noch kurz bei den einzelnen Vorgängen, in denen sich die weltgeschichtlichen Ereignisse dieses Tages vollzogen, und lassen wir dabei die zuverlässigen Geschichtsquellen zum Teil selbst reden. Schon am Nachmittage des 1. September hatte König Wilhelm die Festung und die Armee, die sich in der eisernen Umklammerung und gegen das Feuer der deutschen Geschütze doch nicht mehr halten konnten, zur Ergebung auffordern lassen. Zu seiner höchsten Uber- raschung erfuhr er erst jetzt, dass Kaiser Napoleon selbst in der eingeschlossenen Festung war. Gegen 7 Uhr kam als Abgesandter Napoleons dessen Generaladjutant Reille; nachdem dieser die Anhöhe hinaufgeritten, auf welcher der König Wilhelm hielt, stieg er in einiger Entfernung von diesem ab, schritt, die Mütze in der Hand, auf ihn zu und überreichte ihm den Brief, den Napoleon- an König Wilhelm eigenhändig geschrieben hatte. Der bekannte Wortlaut dieser denkwürdigen geschichtlichen Urkunde lautet in der Ubersetzung:„Mein Herr Bruder! Da ich nicht sterben konnte in der Mitte meiner Truppen, bleibt mir nichts übrig als meinen Degen in die Hände Ew. Majestät zu legen. Ich bin Ew. Majestät guter Bruder Napoleon.“
Die Antwort des Königs, welche er sogleich dem Abgesandten mitgab, lautet, gleich- falls in der Ubersetzung:„Indem ich die Umstände bedaure, unter denen wir uns begegnen, nehme ich den Degen Ew. Majestät an und bitte Sie einen Ihrer Offiziere bevollmächtigen zu wollen, um über die Waffenstreckung der Armee zu verhandeln, die sich unter Ihren Befehlen so tapfer geschlagen hat. Meinerseits habe ich den General Moltke zu diesem Zweck ernannt. Ich bin Ew. Majestät guter Bruder Wilhelm.“
Von dem Jubel und den begeisterten Glückwünschen, die jetzt dem König entgegen- gebracht wurden, erzählt der Kronprinz Friedrich Wilhelm, dessen Armee am meisten zu dem Erfolg des Tags beigetragen hatte, in seinem Tagebuch; da heisst es:„Der König und ich fielen uns um den Hals, ich konnte die hellen Thränen nicht zurückhalten. Glückwünschend drängten sich jetzt die Fürsten und Prinzen und die Herrn des Gefolges auf den König zu, der die Glückwünsche mit einem stummen Händedruck erwiderte. Zu Bismarck sagte er: „Gross, weltgeschichtlich ist das Ereignis, aber den Frieden bringt es uns noch nicht.“
Zur Nacht kehrte der König in sein Standquartier zu Venderesse(etwa 2 Meilen südwestlich von Sedan) zurück. Am Morgen des 2. September begab er sich wieder auf das Schlachtfeld; er erwartete die Nachricht von dem Abschluss der Kapitulation; in Donchery nämlich(ungefäâhr eine Meile westlich von Sedan) waren Bismarck und Moltke zurückgeblieben, um mit dem französischen Bevollmächtigten die Bedingungen der Kapitulation zu vereinbaren.


