Aufsatz 
Zwei Festreden / gehalten von Hermann Siebert
Entstehung
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ihn demütig, in diesem festen Glauben beugte er sich vor der Majestät des Höchsten, dieser Glaube gab ihm zugleich die Sicherheit in der Leitung des Ganzen und die Ruhe des guten Gewissens, die in dem Bewusstsein der Gerechtigkeit der deutschen Sache fest gegründet war. So steht König Wilhelm da als eine Verkörperung des Wortes:Wir Deutsche fürchten Gott und sonst niemand auf der Welt. Und so sehen wir auch in den Schlussworten seiner Siegesnachricht ein schönes. Zeichen seiner Herzensdemut:Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!

Und wie tief und beständig diese seine gottesfürchtige Demut war, das wissen wir auch daher, dass er später wiederholt bei kirchlicher Feier der Siege ausdrücklich befohlen hat, es solle von seiner Person dabei gar keine Rede sein, sondern Gott allein die Ehre! Und das wissen wir auch aus seinen handschriſtlichen Aufzeichnungen Betrachtungen sind es und Rückblicke auf das, was er erlebt, zumeist am Silvesterabend eines scheidenden Jahres niedergeschrieben und erst nach seinem Tode veröffentlicht. Das sind herrliche Zeugnisse seines edlen, frommen, dankbaren Sinnes. Es gibt manche berühmte Männer, deren Ruhm durch dergleichen Veröffentlichungen nichts gewinnt, König Wilhelms Gestalt erscheint uns noch ehrwürdiger hier, noch erhabener, in aller Schlichtheit.Mein ganzes Leben, so heisst es an einer Stelle,Soll eine Vorbereitung sein für das jenseits. In dem felsenfesten Glauben an den allmächtigen Lenker der Menschengeschicke, so lesen wir es aus anderen Stellen heraus, hat seine Seele schon hier auf Erden ihren Frieden in Gott gefunden.

Und wir Deutsche stehen nicht allein, wenn wir Kaiser Wilhelm in seiner schlichten Grösse bewundern: auch im Ausland ist ihm in solchem Grad wie wohl noch niemals irgend einem Herrscher volle Anerkennung zu teil geworden. Unter den zahlreichen Zeugnissen dafür sei nur auf eins hingewiesen. Der Deutsch-Amerikaner Karl Schurz, der wegen Beteiligung an den revo- lutionären Bewegungen von 1848/49 aus Deutschland hatte fliehen müssen und dann Bürger der Nordamerikanischen Republik ward und dort als Staatsmann eine einflussreiche, angesehene Stel- lung gewonnen hat, dieser, ein Republikaner seiner ganzen Gesinnung nach, hat einst vor einer an- sehnlichen Versammlung von Republikanern rückhaltlos das Lob dieses einzigen Monarchen ver- kündet. Es geschah dies am 21. März 1888 in New-Vork, in der Gedächtnisrede, die er bei der Trauerſfeier nach dem Tode des Kaisers Wilhelm gehalten hat. Darin heisst es wörtlich:Unter seiner Agide ward die Sehnsucht gestillt, welche die Deutschen durch so viele Jahre in ihrem Herzen getragen, die Sehnsucht wieder ein einiges, grosses Volk zu sein... Mit unaussprechlichen Zügen steht sein Name auf dem Markstein geschrieben, der in der Weltgeschichte die Wiedergeburt einer grossen Nation bezeichnet. Wie ein Heldengedicht erschien dieses gewaltige Ereignis, welches die Mitwelt mit Staunen durchlebte und auf welches die Nachwelt mit Staunen zurückblicken wird. Und dieses Heldengedicht erzählt von diesem Krieger-König, wie er, den Schnee des Greisenalters auf dem Haupt, umgeben von seinen gewaltigen Paladinen, inmitten seines waffenkundigen Volkes zu Felde zog und Sieg auf Sieg häufte: wie er dann heimkehrte, geschmückt mit der Kaiserwürde, dem Wahrzeichen der endlich geeinigten, nunmehr mächtigen und ruhmreicher Nation, und wie er, Friedrich Rotbart gleich, nach Jahrhunderten eine vom Mythus umwobene Gestalt, fortleben wird in den Geschichten und Sagen des deutschen Volkes.

Und weiter heisst es von der Pflichttreue des Königs: die Worte sind wohl wert von allen Deutschen gekannt und beherzigt zu werdenKein Fürst könnte seinen Begriff von Regie- rungspflicht ernster genommen haben als der König selbst. Kein Schmied an seinem Ambos, kein Bauer auf seinem Acker, kein Kaufmann in seinem Kontor kann in seinem Geschäſt gewissenhaſter, unermüdlicher, emsiger gearbeitet haben, als der König arbeitete in seinem Regierungsgeschäft.