Aufsatz 
Zwei Festreden / gehalten von Hermann Siebert
Entstehung
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erlebt haben. Zur Erhöhung des Jubels trug allerdings der Umstand wesentlich bei, dass man als sicher annahm, mit dem Sieg über die Armee des französischen Kaiserreichs und mit der Gefangennahme des Kaisers Napoleon selbst würde der Krieg auch zu Ende sein und der Friede in sicherer, naher Aussicht stehen. Das war nun freilich zu früh, und es kostete noch viel An- strengung, viel Ausdauer und auch viele blutige Opfer, bis Frankreichs Widerstand ganz gebrochen war, allein der grosse, entscheidende Wendepunkt in dem deutsch-französischen Kriege 1870/71 ist und bleibt doch der Tag von Sedan, und darum ist auch die Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag heute, nach 27 Jahren, noch nicht zurückgetreten, noch nicht verblasst und soll in Zukunft auch nicht zurücktreten und nicht verblassen, im Gegenteil, wir wollen sie pflegen und als ein teures Erbteil, als ein vaterländisches Gut den kommenden Geschlechtern bewahren und überliefern. Und dazu soll auch die Feier dieses Tages dienen. Denn es wäre eine Schande für uns, wenn wir diesen unseren vaterländischen Ehrentag jemals vergessen könnten, wenn wir die Grossthaten unseres Volkes nicht mehr schätzen wollten. Und zugleich auch wäre es eine grobe Undankbar- keit gegen den allmächtigen Lenker der Geschicke der Völker, wenn wir nicht ihm fortwährend die Ehre geben wollten für das Grosse, das er an uns gethan hat, für die Gnade, die er unserem Volke erwiesen hat, für die Rettung aus drohender Gefahr, für den Schutz unseres Heimatlandes vor Verwüstung und Plünderung, für den herrlichsten der Siege, die jemals gewonnen sind, seitdem es eine deutsche Geschichte gibt, und ganz besonders für das, was wir nun, eine Folge jenes Sieges, als ein unverlierbares, teures Gut besitzen; ich meine die feste Einigung der deutschen Stämme in dem Neuen Deutschen Reich, die Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserthrones, das Ziel der Sehnsucht unserer Väter. Nicht eitle Selbstüberhebung, nicht leere Ruhmredigkeit ist es und soll es nie und nimmer sein, das sei ferne von uns! wenn wir dieses Ehrentages in vaterländischer Feier gedenken, sondern diese Feier soll uns gerade dazu dienen, das Bewusstsein lebendig zu erhalten, dass wir demjenigen Dank zu zollen haben, dem der Dank gebührt: dem allmächtigen, dem barmherzigen Gott, welcher der gerechten Sache des deutschen Volkes den Sieg geschenkt hat. Wie vor 27 Jahren, so soll auch heute noch unvermindert unser Dank und unser Jubel sich kund thun, lebendig und aus dem Herzen kommend, und in heiliger Flamme zum Himmel emporlodern. Wie der Dichter schon damals bei der frischen Nachricht von dem Siege diesem Dankesgefühl in den beredten Worten Ausdruck gegeben hat, die wir vorher vernommen haben. so soll auch heute unser Freudenruf erschallen:

Nun lasst die Glocken von Turm zu Turm Durchs Land frohlocken im Jubelsturm, Des Flammenstosses Geleucht facht an! Der Herr hat Grosses an uns gethan.

Ehre sei Gott in der Höhe!

Nächst Gott aber haben wir auch zu danken allen denen, die ihr Leben eingesetzt haben, die ihr Leben geopfert haben im Dienste des Vaterlandes, denn ohne dieses opfermutige und todesmutige Verhalten der tapferen Söhne unseres Volkes wären solche Erfolge nicht erreicht worden.Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt. Und getrost dürfen wir hinzufügen:Wohl uns, dass wir so viel Ursache haben ihrer dankbar zu gedenken und mit freudigem Stolz auf das hinzublicken, was uns durch ihre Hingebung, durch ihre Pflichttreue geschenkt worden ist. Und es ist ein schönes Vorrecht der Schule, dass sie in der heranwachsenden Jugend diesen Sinn pflegen kann, dass sie den Schülern immer wieder zurufen kann: Gedenket eurer Väter, gedenket der teuren Toten, erhebt euch an ihrem Beispiel, eifert ihrem Vorbild nach!