Festrede zur Feier des Sedantages am 2. September 1897.
„Der Königin Augusta in Berlin. Vor Sedan, 2. September 1870, 1 ½ Uhr Nachm.
„Die Capitulation, wodurch die ganze Armee in Sedan kriegsgefangen, ist soeben mit dem General Wimpffen geschlossen, der an Stelle des verwundeten Marschalls Mac Mahon das Commando führt. Der Kaiser hat nur sich selbst mir übergeben, da er das Commando nicht führt und alles der Regentschaft in Paris überlässt. Seinen Aufent- halt werde ich bestimmen, nachdem ich ihn gesprochen habe in einem Rendez-vous, das sofort stattfindet.
Welch eine Wendung durch Gottes Fügung! Wilhelm.“
Dieses ist der Wortlaut des Siegesberichtes, welchen der König Wilhelm am 2. September 1870, Nachmittag um halb 2 Uhr, vor Sedan, auf der Höhe von Donchery, an seine Gemahlin Augusta aufschrieb und durch den Draht nach Berlin übermitteln liess, nachdem Graf Bismarck und Graf Moltke um 12 Uhr mit der vollzogenen Kapitulations-Urkunde erschienen waren. In diesen wenigen, schlichten Worten— welch ein Inhalt! Liegen heute auch schon 27 Jahre zwischen jenen denkwürdigen und folgereichen Ereignissen,— wenn wir die eben verlesene geschichtliche Urkunde wieder hören, dann steigt jene ganze denkwürdige Zeit lebendig vor unserem Auge auf und der Jubelsturm, der damals durch Deutschland ging, unvergesslich für jeden, der ihn selbst miterlebt hat. Mit welcher Spannung folgte man in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jedem Hause dem Gang des Krieges! War doch fast keine Familie, die nicht einen der nächsten Angehörigen beim Heer in Feindesland stehen hatte und von banger Sorge um das Schicksal eines Sohnes, eines Bruders oder des Vaters bewegt wurde. Und als das erste dunkele Gerücht von einer gross- artigen Entscheidung, den zuverlässigen Nachrichten vorauseilend, sich verbreitete, wie wurde da die Spannung aller erhöht!— Darf man's glauben?— Ist's nur ein Gerücht?— Ist's wirklich wahr?— So wogte es erwartungsvoll in allen Herzen zwischen Furcht und Hoffnung. Bange Fragen waren auf allen Gesichtern zu lesen. Post- und Telegraphenamt waren von der Menge umlagert; endlich bringt der Draht die amtliche Nachricht,— und auf eine amtliche Nachricht kann man sich verlassen, das weiss jeder. Da bricht der Jubel los:„Sie haben ihn— wirklich, — ja, sie haben ihn“, so hört man die Jubelrufe in den Strassen der Stadt. Die sonst fremd an- einander vorübergehen, heute reden sie sich an wie alte Bekannte:„Wisst ihr's schon? Habt ihr's schon gehört?“ Gross und klein, jung und alt, vornehm und gering, Bürgerliche und Soldaten, alle beglückwünschen sich einander,— die Ungleichheit der Menschen ist einer solchen dankerfüllten Freude gegenüber für den Augenblick vergessen, aufgehoben, sie beglückwünschen sich, sie weinen Freudenthränen, sie umarmen sich. Beschreiben lässt sich's kaum, so etwas muss man selbst mit


