Aufsatz 
Zwei Festreden / gehalten von Hermann Siebert
Entstehung
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mehr, keine preussische Armee. Ach, meine Söhne, ruft künftig, wenn eure Mutter nicht mehr lebt, diese Stunde in euer Gedächtnis zurück. Weinet meinem Andenken Thränen, aber begnügt euch nicht mit Thränen! Handelt, entwickelt eure Kräfte! Lasset euch nicht von der Entartung dieses Zeitalters hinreissen. Werdet Männer und geizet nach dem Ruhm grosser Feldherrn und Helden! Wenn euch dieser Ehrgeiz fehlte, so würdet ihr des Namens von Prinzen und Enkeln des grossen Friedrichs unwürdig sein. Könnet ihr aber mit aller Anstrengung den niedergebeugten Staat nicht wieder aufrichten, so sucht den Tod, wie ihn Prinz Louis gesucht hat.

Welchen Eindruck diese Worte der schmerzbewegten Mutter auf die Prinzen gemacht haben, wer kann es ermessen? Prinz Wilhelm war es, der die Hoffnungen der Königin gerecht- fertigt und mehr als erfüllt hat.

Die weitere Flucht der königlichen Familie nach Königsberg, die Nachrichten von dem Einzug Napoleons in Berlin und von der ruhmlosen UÜbergabe der meisten preussischen Festungen, wie tief das alles die Königin niederbeugte, davon geben Zeugnis die bekannten Verse, die sie unterwegs am 5. Dezember in Ortelsburg in ihr Tagebuch schrieb:

Wer nie sein Brot mit Thränen ass,

Wer nie die kummervollen Nächte

Auf seinem Bette weinend sass,

Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Allein der Becher der Trübsal war noch nicht geleert. Ein gefährliches Nervenfieber warf die Königin bald nach der Ankunſt in Königsberg aufs Krankenlager. Da kam die Nachricht, dass der Feind auf Königsberg heranrückte. Was nun? Die Königin entschied:Ich will lieber in die Hände Gottes als dieser Menschen fallen. Und die noch Kranke ward in den Reisewagen getragen und in Schneegestöber und Winterkälte Anfang Januar 1807 zwanzig Meilen weit über die kurische Nehrung nach dem äussersten Nord-Osten des Staates, nach Memel gebracht. Drei Tage dauerte die Fahrt, von den Sturmwellen und dem Eise der Ostsee ward der Wagen gehemmt, die Nächte brachte die Königin in elenden Hütten zu, durch die zerbrochenen Fensterscheiben ward der Schnee auf ihr Bett geweht. So hat wohl selten eine Königin die Not des Lebens empfunden! In Memel verweilte die königliche Familie ein jJahr. Nach den blutigen Kämpfen bei Pr. Eylau und Friedland folgte der unglückliche Frieden von Tilsit, durch den der preussische König die Hälfte seiner Länder verlor. Daran hatte auch die Zusammenkunft der Königin Luise mit Napoleon zu Tilsit nichts zu ändern vermocht. Luise hatte dies Opfer mit schwerem Herzen gebracht, weil sie gehofft hatte ihrem Staat und ihrem Volke zu nützen. Umsonst. Der übermütige Sieger hatte sich nur durch die Rücksicht auf Alexander von Russland davon abhalten lassen, den preussischen Staat ganz zu zerschmettern.

Um zu der Aufbringung der Kriegskosten beizutragen, liess der König die Hofhaltung aufs äusserste einschränken, die Königin gab ihren Juwelenschmuck hin, und an der Königstafel in Memel ging's damals einfacher her als in manchem Bürgerhause. Diese Eindrücke mussten sich tief in das Herz des 10 jährigen Prinzen Wilhelm einprägen. Wie dieser die Erinnerung an die Memeler Zeit treu bis ins Alter bewahrte und wie er, treu dem Vorbild seiner Mutter, auch auf dem Throne stets ein warmes Herz für fremde Not hatte, das zeigt uns einer von den vielen kleinen Zügen aus seinem Leben, die gewöhnlich nicht weiter bekannt werden als bei den wenigen, die sie angehen. Ein in Mitau lebender Maurer, der in hohem Alter sich nicht mehr durch seiner Hände Arbeit das tägliche Brot verdienen konnte, erinnerte sich mit Stolz daran, dass er einst als Kind in Memel der Spielkamerad des deutschen Kaisers gewesen war. Vertrauensvoll wendete er sich mit der Bitte um eine Unterstützung an den mildthätigen Herrscher. Der Kaiser liess sofort