Aufsatz 
Zwei Festreden / gehalten von Hermann Siebert
Entstehung
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dem Schlafengehen mit der Königin zu den Betten der schlafenden Kinder und küsste leise ein jedes auf die Stirne. Arm in Arm gingen beide auf den Weihnachtsmarkt, um selbst die Geschenke für die Kleinen einzukaufen. Und eine besondere Freude war es, wenn sie sich im Sommer auf ihrem Gute Paretz in der Nähe von Potsdam oder auf der Pfaueninsel oder im Schloss Oranien- burg in ländlicher Stille aufhalten konnten. Zwanglos nahmen sie hier an den Vergnügungen der Landleute, an dem Erntefest und am Tanz teil oder veranstalteten einen Ausflug in den Wald auf Leiterwagen mit Strohsäcken. Da wollten der König und die Königin nichts anderes sein als Mann und Frau. Das war der Kreis, in dem die Königin Luise wie eine gute deutsche Haus- mutter waltete, das war die Lebensluſt, in welcher der kleine Prinz Wilhelm heranwuchs, aus der sein frühestes Empfinden seine Nahrung zog.Man kann sich gar nicht vorstellen, urteilte ein Zeitgenosse(Schadow).wie wohlthätig auf die Uppigkeit der vorigen Regierung das Beispiel Friedrich Wilhelms III. folgte, die stille Häuslichkeit, die Schönheit und die Bravheit der Königin. Und in der That, ein ganz unermesslicher Segen, nicht nur für Preussen, sondern für ganz Deutsch- land, ist von hier ausgegangen. Waren doch viele deutsche Fürstenhäuser angesteckt von der Leichtfertigkeit des französischen Hoflebens unter Ludwig XIV. und Ludwig XV. Das preussische Königshaus gab wieder ein Beispiel von der Heiligkeit des Familienlebens, es ward das Vorbild eines christlichen deutschen Hauses. Und von Herzen wollen wir Gott danken, dass es so ge- blieben ist bis heute. Welche liebevolle Teilnahme das häusliche Glück des Königshauses und wieviel Verständnis das gute Beispiel in allen Kreisen des Volkes fand, davon geben Zeugnis die vielen Bilder, welche den König im traulichen Kreis seiner Familie darstellen. Und zu welchen Hoffnungen damals schon Prinz Wilhelm berechtigte, zeigen die wenigen Worte, welche die Königin Luise in einem Brief an ihren Vater schrieb:Wilhelm ist ein sehr kluges Kind und hat ein gutes Herz; er verspricht viel und wird meine heissen Gebete nicht unerhört lassen.

Unterdessen zogen sich von Frankreich her die drohenden Wolken zusammen, welche dem goldenen Sonnenschein des glücklichen Familienlebens und der frohen Kindheit ein jähes Ende be- reiteten und die schwersten Prüfungen über die Königsfamilie und den ganzen Staat herbeiführten.

Im Jahre 1805 hatte der König, als die dritte Koalition gegen Frankreich zusammentrat, geglaubt seine Neutralität behaupten zu müssen. Aber rücksichtslos hatte der Kaiser Napoleon diese Neutralität verletzt. Friedrich Wilhelm schloss sich enger an Russland an. Kaiser Alexander kam selbst nach Potsdam; beide Herrscher stiegen um Mitternacht vom 4. zum 5. November, von der Königin Luise begleitet, in die Königsgruft der Garnisonkirche und gelobten sich am Sarge Friedrichs des Grossen mit Handschlag unwandelbare Treueé. Aber alle weiteren Pläne und Unter- nehmungen waren dann durch die Dreikaiserschlacht bei Austerlitz abgeschnitten worden.

Im Jahre 1806 ward durch die Stiſtung des Rheinbundes der Süden und Westen Deutsch- lands thatsächlich dem französischen Kaiserreich einverleibt, wenn es auch in einer vorsichtigen, nicht auffallenden Form geschah. Franz II. legte infolge dessen die deutsche Kaiserkrone nieder, die keine Bedeutung mehr hatte. Der Krieg war für Preussen unvermeidlich. Gleich beim ersten Zusammenstoss bei Saalfeld fand Prinz Louis Ferdinand heldenmütig kämpfend seinen Tod, und der Tag von Jena vernichtete mit einem Schlage den alten Kriegsruhm des preussischen Heeres. Die Unglücksnachricht ereilte die Königin, welche ihren Gemahl nach Thüringen begleitet hatte, auf der Rückreise nach Berlin; nun eilte sie gleich weiter nach Stettin. Unterwegs, in Schwedt, traf sie mit ihren Kindern zusammen, die schon vorher dorthin gebracht waren. Die beiden ältesten, Prinz Friedrich Wilhelm und Prinz Wilhelm, des Wiedersehens froh, kamen ihr auf der Schloss- treppe entgegen. Da sprach sie zu ihnen die denkwürdigen Worte:Ihr sehet mich in Thränen. Ich beweine das schwere Geschick, das uns getroffen hat. Es gibt keinen preussischen Staat