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unter dem Blutbeil in Paris gefallen war, fing der König Friedrich Wilhelm II. an sich am Rhein die Hände frei zu machen, um an der Weichsel mit mehr Nachdruck auftreten zu können. So konnte die Hochzeit des Kronprinzen noch vor dem Ende des Jahres 1793 stattfinden. Am 22. Dezember hielten die beiden fürstlichen Bräute, geleitet von ihrem Vater und ihrer Grossmutter, ihren Einzug in Berlin durch das Brandenburger Thor. Am Ende der Linden war eine Ehrenpforte errichtet, eine Schar kleiner Mädchen empfing den fürstlichen Brautzug. Die Sprecherin sagte ihr Begrüssungsgedicht mit so schlichter Anmut her, dass die Prinzess Luise, dem Zug ihres Herzens folgend, sich niederbeugte, das Kind in ihre Arme hob und einen Kuss auf seine Wange drückte — zum Entsetzen der gegenübersitzenden gestrengen Oberhofmeisterin von Voss, welche trotz der jubelnden Hochrufe der Umstehenden seufzend die Worte sprach:„Mon Dieu, Hoheit, welcher Verstoss gegen die Etikette!“—„Wie“, entgegnete Luise einfach,„darf ich das nicht mehr thun?““
Am 24. Dezember fand im königlichen Schloss die Trauung des kronprinzlichen Paares statt, zwei Tage nachher die des Prinzen Ludwig mit Friederike. Schnell lebte sich Prinzessin Luise in die neuen Verhältnisse und neuen Pf̃flichten ein, und wie bald sie sich die Herzen aller gewann, das zeigt uns eine Aufzeichnung der Oberhofmeisterin in ihrem Tagebuch:„Die Prinzessin ist wirklich anbetungswürdig, so gut und reizend zugleich; und der Kronprinz ist ein so vortreff- licher Mann, dass man ihm das seltene Glück einer solchen Ehe, den Besitz eines solchen Engels innig gönnt.“
Die Kronprinzessin bewahrte sich auch am Königshofe in Berlin ihre anmutige Natürlichkeit; sie atmeten beide auf, wenn sie den Prunk der Hoffeste hinter sich hatten. Auch hier gab sie unzählige Beweise ihrer Herzensgüte. Bald war sie auch in ihrer neuen Heimat in allen Kreisen des Volkes beliebt. Eine zeitweise Trennung von ihrem Gemahl, welche durch den Feldzug gegen Polen 1794 herbeigeführt wurde, ertrug sie mit Standhaſtigkeit. Ihr Familienglück ward erhöht durch die Geburt eines Prinzen im Jahre 1795, des späteren Königs Friedrich Wilhelms IV. Aber auch schmerzliche Erfahrungen blieben ihr nicht erspart. Kurz nacheinander starben der Prinz Ludwig, Ende 1796, und die Witwe Friedrichs des Grossen, Elisabeth Christine, Januar 1797.
Am 22. März desselben Jahres, heute vor 100 Jahren, ward dem kronprinzlichen Paar der zweite Sohn geboren, Prinz Wilhelm; am folgenden Tag brachte die Kgl. privilegierte Berlinische (Vossische) Zeitung, die damals nur dreimal in der Woche erschien, an der Spitze des Blattes die Meldung:„Gestern nachmittag zwischen l und 2 Uhr ward zur Freude des Kgl. Hauses und des ganzen Landes der kronprinzlichen Familie ein Prinz geboren. Einige Stunden nachher ward dieses frohe Ereignis durch dreimaliges Abfeuern von 24 im Lustgarten aufgefahrenen Kanonen der Haupt- stadt bekannt gemacht.“
Noch in demselben Jahr ward das kronprinzliche Paar auf den Königsthron berufen: Am 16. November starb Friedrich Wilhelm H., und König Friedrich Wilhelm III. übernahm die Regie- rung unter schweren politischen Verhältnissen; war doch kurz vorher Osterreich durch den sieg- reichen Feldzug Bonapartes zu dem Frieden von Campo Formio genõtigt worden, welcher Deutsch- land das linke Rheinufer kostete.
Der König blieb auch noch nach der Thronbesteigung so einfach und sparsam, wie er es als Kronprinz gewesen war; er behielt seine bisherige Wohnung, das sog. kleine Palais, welches jetzt der Kaiserin Friedrich zusteht. Und der herzliche natürliche Ton in der königlichen Familie erlitt keine Anderung.„In meinen vier Pfählen“, sagte der König,„will ich nicht König, sondern glücklich sein.“ Mochten auch noch so viel dringende Regierungsgeschäfte ihn in Anspruch nehmen, er fand doch Zeit für das Glück seines häuslichen Lebens. Die Königin lehrte die heran- wachsenden Kinder ihre Händchen zum Gebet falten. Der zärtliche Vater ging jeden Abend vor


