Aufsatz 
Zwei Festreden / gehalten von Hermann Siebert
Entstehung
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fachheit; gerade das Kindlich-Natürliche wollte sie in den unbefangen offenherzigen Kindern geschont und gepflegt wissen. Mehrmals verweilte sie im Sommer mit ihren Enkelinnen auf ihrem Erb- schloss in Westfalen, dem alten Grafenschloss Broich. Da, wie auch in Darmstadt, pilgerte die jugendliche Prinzess Luise oft aus dem Schloss in die Hütten der Armut, um fremde Thränen zu stillen; sie wusste, dass wohlzuthun und mitzuteilen die Gott wohlgefälligsten Opfer sind und dass das, was wir einem dieser Geringsten gethan haben, wir dem Herrn gethan haben. Einmal drückte sie einer armen Witwe, die um Brot für ihre hungernden Kinder bat, ihr ganzes Taschengeld in die Hand. Ein andermal war sie, die 14jährige, der Grossmutter aus den Augen gekommen; man suchte sie im Schloss, im Garten, vergebens. Endlich fand man sie in der Kammer eines krank darniederliegenden Kindes auf dem Bettrand sitzend, wie sie diesem aus einem Märchenbuche vorlas. Als die besorgte Grossmutter sie mit den Worten empfing:Aber hast du denn nicht gehört, dass das Kind Scharlachfieber hat? da antwortete sie getrost, der liebe Gott würde sie sicher vor Ansteckung bewahren, denn sie habe auf dem Hinwege zu dem kranken Hannchen ein stilles Vaterunser gebetet und sich mit dem heiligen Kreuz gesegnet.

Von Darmstadt aus waren die beiden Fürstenkinder auch wiederholt in Frankfurt, so bei Gelegenheit der Krönung Kaiser Leopolds II. am 1. September 1790. Hier wohnten Luise und Friederike bei Göthes Mutter, der Frau Rat, und verlebten da in des Dichters Geburtshaus am Hirschgraben manche fröhliche Stunde, und noch heute erfreut sich unser Herz an den Erzählungen, wie ihr kindlicher Frohsinn sich da unbefangen äussern konnte, wie sie sich z. B. einmal nach Herzenslust auf dem Hofe mit Wasserpumpen vergnügten, während Frau Rat eine Thür behutsam abgeschlossen hatte, damit nicht durch die gestrenge Gouvernante das kindliche Vergnügen gestört würde.

Mögen solche einzelnen Züge dem Geschichtsschreiber auch noch so unbedeutend er- scheinen, sie sind doch ein klarer Wiederschein des sonnigen Wesens der holden Prinzessin, zu- gleich eine Vorbedeutung der Leutseligkeit, die ihr nachher auf dem Thron die Herzen des Vollces gewann.

Unterdessen hatte der Feldzug gegen die französische Revolution 1792 mit einem ruhm- losen Rückzug geendet, Mainz und Frankfurt fielen den franzöõsischen Republikanern in die Hände, Frankfurt aber ward ihnen durch die heldenmütige Tapferkeit der Hessen*) am 2. Dezember 1792 wieder- genommen. Der preussische König Friedrich Wilhelm II., der durch die Errichtung des Hessen denkmals vor dem Friedberger Thore diese tapfere That dankbar geehrt hat, schlug nun hier in Frankfurt sein Heerlager auf. Auf der Rückreise von einem Besuch in Hildburghausen im Früh- jahr 1793 fuhren die beiden Prinzessinnen mit ihrer Grossmutter über Frankfurt, um sich dem König von Preussen vorzustellen. Hier sahen sich der Kronprinz Friedrich Wilhelm und Prinzess Luise zum ersten Mal, und schnell fanden sich ihre Herzen zusammen. Bereits im April desselben Jahres 1793 ward die Verlobung der 17jährigen Prinzess Luise mit dem 23jährigen Kronprinzen gefeiert, und gleichzeitig verlobte sich Luisens jüngere Schwester Friederike mit des Kronprinzen jüngerem Bruder, dem Prinzen Ludwig.

Als die beiden fürstlichen Bräute ihren Verlobten nach einigen Wochen in dem Feldlager zu Bodenheim einen Besuch machten, hat Göthe sie gesehen, welcher seinen fürstlichen Freund, den Herzog Karl August, auf diesem Feldzug begleitete. Er schreibt von dieser Begegnung in seinem Tagebuch:Man konnte in diesem Kriegsgetümmel die beiden Fürstenkinder für himmlische Erscheinungen halten, deren Eindruck auch mir niemals erlöschen wird.

Der Krieg gegen die erste französische Republik ging weiter. Aber seitdem das Haupt Ludwigs XVI. und dann auch das der Königin Marie Antoinette, der Tochter eines deutschen Kaisers,

*) Der Landgraf von Hessen-Cassel Wilhelm IX.(seit 1803 als Kurfürst Wilhelm I.) nahm 1792 teil an dem Kriege gegen Frankreich.