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geschichtliche Herrschergestalt, sie wird uns erst recht verständlich und tritt uns menschlich nahe, wenn wir die Keime erkennen, aus denen sie erwachsen konnte. Dies führt uns auf seine Eltern. Und hier ist es ein zweites Schriftwort, dessen Wahrheit uns in hellem Lichte entgegentritt: das ist jenes Gebot, welches die unzerstörbare Grundfeste bildet, auf der allein das Leben des Einzelnen wie das Leben ganzer Geschlechter sich glücklich entfalten kann, das Gebot:„Du sollst Vater und Mutter ehren“, dem die schöne, bedeutungsvolle Verheissung beigefügt ist:„auf dass dir's wohl gehe und du lange lebest auf Erden“. In der treuen Erfüllung dieses Gebotes hat sich Kaiser Wilhelm schon als kleiner Knabe bewährt. Aus dem Knaben erwächst der Mann. Die Luft und das Licht des Elternhauses ist die Pflanzstätte, aus der das aufwachsende Menschenkind seine Nahrung zieht wie der Baum aus dem Erdboden. Wohl dem, dem für seinen Lebensweg die Er- innerung an eine sonnige Jugend, an treue Eltern als ein köstliches Gut mitgegeben ist! Sie ist ihm ein nie versiegender Born, aus dem er in guten und bösen Tagen Labung, Stärkung, Er- frischung schöpfen kann. Dieses Glück einer sonnigen Jugend ist unserm Kaiser Wilhelm bis zu seinem 10. Lebensjahre in vollem Masse zu teil geworden, und bis zu seinem 13. Jahre hat er eine Mutter besessen, die zu den herrlichsten Frauengestalten des deutschen Volkes gehört. Was eine fromme Mutter in das Herz des Kindes eingepflanzt hat, das prägt sich so tief und fest ein, dass es durch nichts später ausgerissen werden kann. Die deutschen Frauen, die Mütter— wieviel ist ihnen anvertraut! Durch des Hauses Mauern vor dem Lärm und Streit des Tages geschützt, wandeln sie still durchs Leben, sie sind die Verwalterinnen und Bewahrerinnen der höchsten und heiligsten Güter, und wie weit sich ihr Einfluss auf das geistige Wachstum der Kindesseele erstreckt, ist gar nicht zu ermessen. Darum müssen wir, wie bei so vielen weltbedeutenden Männern, so auch hier bei Kaiser Wilhelm, um ihn ganz zu verstehen, am ersten nach dem Bilde seiner Mutter sehen. Und das wird um so mehr dem heutigen Tage entsprechen, weil es so ganz im Sinne des grossen Kaisers ist, der in seiner schlichten Demut alle Ehre für seine Person zurückwies und seiner hohen Mutter bis in sein höchstes Alter das liebevollste kindliche Apdenken und die höchste Verehrung bewahrt hat. Freilich können es aus dem vielbewegten Leben der Königin Luise nur einige einzelne Züge und Bilder sein, auf welche wir in kurz be- messener Zeit unsere Blicke hinrichten wollen.
Die Königin Luise, d. 10. März 1776 in Hannover geboren, war die Tochter des Herzogs Karl von Mecklenburg-Strelitz. Ein echt deutsches, inniges Familienleben wohnte in dem herzoglichen Hause. In dem Schlosse Herrenhausen bei Hannover und in dem damit verbundenen Parke konnte sich die Prinzessin mit ihren Geschwistern im Schatten hoher Linden fröhlich umhertummeln. Hier ward ihr die Liebe zur Natur ins Herz gepflanzt und blieb ihr fürs ganze Leben.
Erst 6 Jahre war die Prinzessin alt, da traf sie schon der härteste Schlag: sie verlor ihre Mutter. Eine Zeit lang hielt sich der Herzog dann mit seinen Kindern am Darmstädter Hof bei der Mutter seiner verstorbenen Gemahlin auf, der verwitweten Prinzess Georg Wilhelm von Hessen- Darmstadt In herzlicher kindlicher Liebe schloss sich Prinzessin Luise an die Grossmutter an. Später verlegte der Herzog, nachdem er auch seine zweite Gemahlin verloren hatte, seinen Wohn- sitz ganz nach Darmstadt. Hier, unter der liebevollen Obhut der Grossmutter, welche die Er- ziehung der beiden Enkelinnen, der 12jährigen Prinzess Luise und ihrer 10jährigen Schwester Friederike ganz in ihre Hand nahm und mit mütterlicher Liebe über ihnen wachte, hier hatten die Fürstentöchter nun ihre zweite Heimat und wuchsen zu lieblichen Jungfrauen heran. Obwohl die damalige Sitte an den Fürstenhöfen es forderte, dass dem Französischen in der Erziehung ein UÜbergewicht gegeben wurde, so erlitt das deutsche Empfinden und Denken dadurch doch keinen Eintrag. Die treffliche Grossmutter erzog die Prinzessinnen in aufrichtiger Frömmigkeit und Ein-


