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F CS tr G d C S Se§ E
hundertjährigen Gedenkfeier des Geburtstages Kaiser Wilhelms I.,
gehalten am 22. März 1897 im Turnsaal des Realgymnasiums zu Cassel
von
Dr. H. Siebert, Professor.
Das Wort unseres Gottes bleibet in Ewigheit.
Verehrte Festgenossen, liebe Schüler!
Die vaterländische Gedenkfeier, zu der wir versammelt sind, ist ganz besonders geeignet uns die Wahrheit dieses Spruchs überzeugend vor Augen zu stellen. Unsere Blicke sind heute auf ein Menschenleben gerichtet, welches so überreich von Gott begnadet ist, dass es ganz einzig in der Geschichte dasteht. Heute sind es 100 Jahre, dass der erste Kaiser des neuen deutschen Reiches das Licht der Welt erblickte. In gerechter Würdigung der Empfindungen der deutschen Volksseele hat Se. Maj. unser erhabener Kaiser Wilhelm II. diesem Erinnerungstag durch die An- ordnung der allgemeinen Feier auch äusserlich die Bedeutung verliehen, die ihm gebührt. Millionen von Herzen und Händen erheben sich heute im Gefühl des Dankes gegen Gott. Soweit die deutsche Zunge klingt, erschallen heute Lieder zum Gedächtnis des grossen Kaisers. Der heutige Festtag ist ein Wahrzeichen der unzerreissbaren Zusammengehörigkeit der deutschen Stämme, ein offenkundiges Zeugnis der Freude darüber, dass dieses Band in dem festen Gefüge des deutschen Reiches unter der Führung der Hohenzollern die Gewähr seines dauernden Bestandes besitzt.
100 Jahre! Welch ein Zeitraum! Welche wechselvollen Schicksale, welche tiefgreifenden Veränderungen hat gerade dieses 19te seinem Ende entgegengehende Jahrhundert in der Geschichte des deutschen Volkes herbeigefib Und das Leben des Kaisers Wilhelm, das nahezu die ganze Zeit dieses Jahrhunderts umspanne, wie ist es so ganz verwachsen mit diesem Wechsel der Ge- schicke: mit der Erniedrigung Deutschlands 1806 und 1807, mit der ruhmvollen Erhebung in den Freiheitskriegen 1813/14 und mit der endlichen Erfüllung des alten Traumes von der Herrlichkeit eines deutschen Kaiserreiches!
Und wenn es bei Betrachtung der Weltgeschichte oft nicht leicht ist, in dem Gewirre der widerstreitenden Kräſte und der wechselnden Erfolge die lenkende Hand dessen zu erkennen,„der doch immer sitzt im Regimente und lenket alles wohl“,— hier ist diese Erkenntnis uns leicht gemacht, und auch das blödeste Auge kann sich nicht gut davor verschliessen.
Sehen wir auf das, was Kaiser Wilhelm I. in seiner Jugend selbst erlebt hat, die Er- niedrigung Deutschlands und den Sturz des übermütigen Korsen, so, meine ich, findet kein Schrift- wort hierin so deutlich seine Bestätigung als jenes, das uns fast wie ein Sprichwort geläufig ist: „Gott widerstehet dem Hoffärtigen, dem Demütigen aber gibt er Gnade“. Achten wir aber mehr auf das innere Wachsen und Werden, v., sich sein schlichtes Wesen, seine Festigkeit, seine nie ermüdende Pflichttreue von frühester Kindheit an entwickelt hat und wie ihm Gott ein so langes und so reich gesegnetes Leben verliehen hat wie selten einem Menschen,— diese grosse welt-


