Aufsatz 
I. Beiträge zur deutschen Einheitsbewegung : Kaisersgeburtstagsrede / von Hermann Siebert
Entstehung
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1875 zu Prag) nun und seitdem auch dessen Thronfolger nicht mehr lebt und der älteste Sohn des Thron- folgers in den fernen Fluten des Indischen Occans ein trauriges Ende gefunden hat,*) ist die Aussöhnung mit den politischen Veränderungen auch denen, die dem hessischen Fürstenhaus treue Anhänglichkeit be- wahrten, wesentlich erleichtert worden.

Das vergrösserte Preussen schloss sich 1866 mit den nördlich vom Main gelegenen Staaten zum Norddeutschen Bund zusammen. Nun galt es noch, die Mainlinie zu überbrücken. Als im deutsch-französischen Krieg 1870 die raschen grossartigen Erfolge in treuer Waflfenbrüderschaft mit den süddeutschen Staaten errungen worden waren, da vollendete sich das Werk der Einigung Deutschlands fast wie von selbst und fiel uns wie eine reife Frucht in den Schoss. Durch die hoch- herzige Entschliessung des mächtigsten unter den süddeutschen Fürsten, des Bayernkönigs Ludwigs II, ward mit Zustimmung aller übrigen deutschen Fürsten und freien Städte dem König von Preussen die erbliche Kaiserwürde angetragen; damit war die im Jahre 1849 fehlende Bedingung erfüllt. Die frohe Zustimmung des Volkes war sicher. Eine Abordnung des Reichstags begab sich von Berlin nach Versailles jetzt unter ganz andern Aussichten als damals 1849 von Frankfurt nach Berlin und unterstützte das Anerbieten der Fürsten. Wenn Fürsten und Völker zusammengehen, so wird Grosses erreicht, das hatte sich 1813 und 1814 gezeigt, das zeigte sich 1870 und 71. In demselben Königs- schlosse, von dem einst unter Ludwig XIV so viele Anschläge gegen Deutschlands Besitz und gegen Deutschlands Ehre ausgingen, ward die Wiederaufrichtung des deutschen Reichs und die Annahme der deutschen Kaiserkrone feierlich verkündigt. Seit dem 18. Januar 1871 haben wir wieder ein deutsches Kaisertum und ein deutsches Reich, nicht wie im Mittelalter ein halb römisches Kaisertum, das sich in Ansprüchen auf die Weltherrschaft und in Kämpfen mit dem Papstum und Italien verzehrte und daheim sein Ansehen nicht wahren konnte, sondern ein durch und durch deutsches Kaisertum, nicht mehr ein schwaches Wahlkaisertum, sondern ein erbliches Kaisertum, das auf der Kraft des deutschen Volkes und auf dem preussischen Königsthron fest begründet ist. Erfüllt hat sich das von Bismarck herrührende Wort, dass das Gold der deutschen Kaiserkrone erst durch das Einschmelzen der preussi- schen Königskrone Wahrheit erhalten würde. Jetzt kommt kein deutscher Fürst mehr in die Lage, dass er zweien Herren, dem Ausland und Deutschland, zugleich dienen müsse, kein ausländischer Fürst hat noch irgend etwas in die deutschen Angelegenheiten hineinzureden, und die deutschen Reichsfarben schwarz-weiss-rot, sind zu einem auf dem ganzen Erdenrund geachteten und gefürchteten Zeichen und Sinnbild der Macht des deutschen Reichs geworden.

Wir haben ein deutsches Vaterland; die wenigen Volkssplitter nichtdeutschen Stammes an den Grenzen in Ost, Nord und West und zum Teil auch im Innern thun dem keinen Eintrag. Unab- hängig vom Ausland, sind wir ganz auf unsere eigne Kraft gestellt. Mit freudigem Stolz können wir unserem grossen Staatsmann, dem Baumeister des Deutschen Reichs und des neuen deutschen Kaiser- throns, das tüchtige, mannhafte Wort nachsprechen:Wir Deutsche fürchten Gott und sonst niemand auf der Welt.

Ja, Grosses haben wir erreicht, wenn auch mit schweren Opfern; für vieles haben wir zu danken, und wenn wir von der Vergangenheit und Gegenwart unsre Blicke in die Zukmunft richten, dann dürfen wir allem, was da kommen mag, furchtlos entgegenseben, wenn nur der Geist hingebender

*) Landgraf Friedrich Wilhelm ertrank den 14. Okt. 1888 auf seiner Reise um die Welt und zwar auf der Fahrt von Batavia nach Singapore.