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Dieses Gefühl der Unzufriedenheit, der Enttäuschung darüber, dass nun zum zweiten Male alle vaterländischen Hoffaungen vereitelt waren, blieb, wie bei so vielen unserer Väter und eurer Grossväter, auch bei meinem Vater lebendig. Bis zu seinem Lebensende bewahrte er sich eine mann- hafte Empfindung für deutsche Schmach und deutsche Ehre. In rückhaltloser Wahrheitsliebe und ohne Menschenfurcht trat er überall, wo es galt, für seine unabhängige Uberzeugung und für das Rechte und Gute ein; zeitlebens blieb ihm das gerade deutsche Wort und der Zorn der freien Rede, wo ihm undeutsches und verkehrtes Wesen entgegentrat. Die Erfüllung der vaterländischen Hoffnun- gen, die Wiederaufrichtung des deutschen Reichs hat er nicht mehr erlebt,*) ja nicht einmal das auf- gehende Morgenrot einer besseren Zeit geschaut. Dabei war er der treueste, fleissigste und gewissen- hafteste Diener seines Staates, auch ohne irgend welche Auszeichnung. Aber tausend und aber tausend Waldbäume, deutsche Eichen und Buchen, die in jedem Frühling lustig ergrünen und noch vielen kommenden Geschlechtern Freude und Waldesluft und Holz zum Bau ihrer Hütten und zum Feuer des Herdes und den gefiederten Sängern des Waldes Schutz und Obdach spenden werden, sind sein schönstes Denkmal und werden noch lange Jahre ein sichtbares Zeugnis seines Wirkens geben, wenn auch unter denen, die diese Wohlthaten geniessen, niemand mehr seinen Namen kennt.
1864— 1871.
Die Sehnsucht nach einer Einigung Deutschlands liess sich in der Folgezeit nicht mehr zurück- drängen. In dem Nationalverein fanden diese Bestrebungen einen Mittelpunkt, begeisterten Ausdruck auf vielen Schützenfesten. Zu bedeutenden vaterländischen Kundgebungen gestalteten sich im Jahre 1859 die hundertjährige Gedenkfeier von Schillers Geburtstag und die Feier des neunzigsten Geburts- tages des greisen Vaterlandsdichters E. M. Arndt. Aber erst die schleswig-holsteinische Frage war es, wodurch die deutsche Frage endlich ihrer wirklichen Lösung näher gerückt wurde. Das alte Un- recht ward 1864 gesühnt, die Herzogtümer wurden durch das gemeinsame Vorgehen von Preussen und Osterreich wiedergewonnen. Eine Auseinandersetzung dieser beiden deutschen Grossstaaten liess sich aber hierauf nicht mehr länger hinausschieben. Erst nachdem infolge des Kriegs von 1866 Osterreich im Prager Frieden aus Deutschland ausgeschieden war, war der Weg zu einer festen Einigung der übrigen deutschen Staaten unter Preussens Führung geebnet. Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau, Hessen-Homburg und Frankfurt wurden mit Preussen vereinigt; zum zweiten Mal hörte die staatliche Selbständigkeit unseres Hessenlandes auf, aber diesmal war das Opfer der Einigung, Deutschlands gebracht, und dieser Umstand trug wesentlich dazu bei, dass der UÜbergang im allge- meinen weniger empfindlich wurde. Da nun ausserdem auch die Söbne des letzten Kurfürsten ohnehin zur Thronfolge nicht berechtigt waren, so sahen viele doch lieber den König von Preussen die Erb- schaft unseres Landes antreten als den wenig bekannten Prinzen Friedrich von Hessen,**) der, mit dem russischen und dänischen Herrscherhaus verwandt, sich mehr im Ausland aufgehalten hatte und dem hessischen Volke als ein Fremder gegenüberstand. Nach dem Tode des letzten Kurfürsten(†⁵ 6. Jan.
*) Georg Wilbelm Siebert, geb. 31. Juli 1793 zu Treysa, † 4. November 1861 zu Obergrenzebach, nachdem er dem dortigen Forst als Kurfürstl. hessischer reitender Revierförster über 31 Jahre vorgestanden hatte.
**) Der Prinz(später Landgraf) Friedrich von Hessen(†⁵ 1884) hatte als Seitenverwandter des Kurfürsten die Anwart- schaft auf die Thronfolge. Der Verf. war seiner Zeit dem Prinzen als Erzieher seines Sohnes vorgeschlagen worden und hatte im Sommer 1862 die Ehre auf Schloss Charlottenlund bei Kopenhagen einige Tage als Gast der prinzlichen Familie zu verweilen.


