Aufsatz 
I. Beiträge zur deutschen Einheitsbewegung : Kaisersgeburtstagsrede / von Hermann Siebert
Entstehung
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14.

Vaterlandsliebe auch bei den kommenden Geschlechtern lebendig bleibt. Auf einem unsrer Denkmäler der grossen Zeit von 1870 und 71 auf dem Siegesdenkmal zu Leipzig sind die Worte ein- gegraben: Unsrer Väter heisses Sehnen, Deutschlands Einheit, ist erstritten, Unsre Brüder haben freudig für das Reich den Tod erlitten, Enkel mögen kräftig walten, schwer Errungnes zu erhalten!

Diese ernste Mahnung ist an die ganze deutsche Jugend, ist auch an euch, liebe Schüler, ge- richtet, grabt sie in eure Herzen ein! Auf euch ruht unsere Zukunft, auf euch unsre Hoffnung. Nur noch eine kurze Spanne, mögen es zehn, zwanzig oder dreissig Jahre sein, und ihr, jetzt Kinder und Jünglinge, steht als Männer an der Stelle, die heute eure Väter einnehmen, und wir älteren sind vom Schauplatz abgetreten, sei es, dass wir uns noch der Ruhe des Alters erfreuen, sei es, dass unsres Schöpfers Ruf uns schon von der Stätte unsres Wirkens abgeholt hat. In den verschiedensten Lebens- lagen werdet ihr mitzuwirken haben, die ererbten Güter zu bewahren, zu mehren und sie wieder den kommenden Geschlechtern zu überliefern. Und diese Pflichten und Arbeiten, die das Leben von euch fordern wird, werden euch leicht gemacht werden durch das frohe Bewusstsein: Wir haben ein Vater- land, für das es sich verlohnt, zu leben und zu arbeiten. Von den Bergesriesen im Süden, wo die ewigen Firnen in das Himmelsblau emporragen, bis an den Strand des Nordmeeres, wo der Sand der Dünen weht, erstreckt sich unser schönes deutsches Vaterland mit seinen lieblichen Hügeln und lachen- den Fluren, mit seinen dunkeln Wäldern und fruchtbaren Thälern, seinen blühenden Städten und schmucken Dörfern. Und dieses unser Heimatsland schliesst alles ein, was Gott uns je Liebes und Gutes erwiesen hat; alles Herrliche, was es auf der Welt gibt, alles Süsse, was Menschenbrust durch- bebt, alles Hohe, was Menschepherz erhebt, alles, was uns das Tederste auf Erden ist, Eltern, Ge- schwister, Kinder und auch die Gräber unsrer entschlafenen Lieben, das alles ist eingeschlossen in diesem Land. Wenn wir uns dieses recht zum Bewusstsein bringen, dann erhebt sich unser Herz mit dem Sänger zu dem Gebet:O Gott vom Himmel, sich darein Und gib uns rechten deutschen Mut, Dass wir es lieben treu und gut!

Ja, treu und gut, mit aller Hingebung und Pflichterfüllung, so dass ihr nicht nur fähig seid für das Vaterland euer Blut einzusetzen, wenn die harte Notwendigkeit es einmal gebieten sollte, sondern, was oft noch schwerer ist, auch für es zu leben, auch in einem langen und arbeitsvollen Leben ihm stets unverbrüchliche Treue zu halten und ihm in freudiger Berufsthätigkeit zu dienen. Dann wird euch, auch wenn solcher Dienst euch schwer wird, doch immer das frohe Bewusstsein er- heben: Wir haben nicht vergeblich gelebt, und für so hohe Aufgaben ist es eine Lust, zu leben und sich zu mühen..

Wenn wir mit solchen Empfindungen des Dankes und der Hoffnung, mit solchen Wünschen und Vorsätzen das Geburtsfest unseres Kaisers und Königs begehen, so begehen wir es am meisten in seinem Sinne. Durch unermüdliche Arbeit im Dienst des Vaterlandes leuchtet er uns allen voran. In Demut beugt er sich vor dem König aller Könige und dem Herrn aller Herrn. Allsonntäglich, wenn ihr dem Ruf der Glocken folgt, hört ihr es im Gotteshaus, wie der mächtige deutsche Kaiser vor dem Angesichte des Höchsten nichts anderes sein will als dessen Knecht, als ein Diener, der Gottes Willen auszuführen hat. Millionen von deutschen Herzen vereinigen sich heute mit uns zu dem Gebete: Gott schütze das teure Haupt unsres Kaisers und Königs, er lenke seine Entschliessungen und segne seine Regierung zum Heil unsres geliebten Vaterlandes! Und so fassen wir alle unsere Wünsche zusammen in dem frohen kräftigen Ruf:

Unser Kaiser und König Wilhelm II lebe hoch!