Aufsatz 
I. Beiträge zur deutschen Einheitsbewegung : Kaisersgeburtstagsrede / von Hermann Siebert
Entstehung
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und so viele Hoffnungen weckte, aber nicht erfüllte. In lebendigem Andenken steht es mir noch, wie damals die Kunde von der Pariser Februarrevolution, die den Bürgerkönig Louis Philipp fortspülte und Frankreich zum zweiten Mal zur Republik machte, hierher kam und auch bis zu uns in die Kinderstube drang. Mit grösserer Spannung hörte man dann im März von den erbitterten Strassen- und Barrikadenkämpfen in Wien und in Berlip. In beiden Städten errang, wie bekannt, der Aufstand zwar einen augenblicklichen Erfolg, Friedrich Wilhelm IV zog ja, um kein Bürgerblut weiter ver- giessen zu lassen, seine siegenden Truppen aus Berlin heraus allein dass eine bessere Verfassung für Deutschland auf dem Wege selbstmörderischer Strassenkämpfe nicht erreicht werden konnte, das sahen unbefangene Beobachter auch schon damals deutlich ein. Mehr Erfolg versprach man sich von der ersten deutschen Nationalversammlung, welche die gewählten Vertreter des Volkes aus allen deut- schen Gauen in der alten Krönungsstadt und freien Reichsstadt Frankfurt vereinigte. Es war eine Versammlung der angesehensten Männer, unter ihnen Dichter und Gelebrte, ich erinnere nur an E. M. Arndt, Uhland, J. Grimm, Dahlmann, Gervinus die hier in der Paulskirche tagten, um Deutschland eine neue Reichsverfassung zu geben. Der alte Bundestag löste sich auf, ein Reichsver- weser ward gewählt, der dem Hause österreich angehörende Erzherzog Johann, ur d die hoffenden Blicke der Deutschen waren nach Frankfurt gerichtet. Bald zeigte sich freilich, dass die neugeschaffene Reichsgewalt keine wirkliche Macht besass, welche ihren Beschlüssen und Anordnungen die Ausführung sicherte. Nicht treffender kann man über jene Zeit urteilen als Fürst Bismarck, welcher einst den ihn begrüssenden Studenten sagte, dass die ganze Bewegung deshalb habe scheitern müssen, weil mon nicht mit der thatsächlich bestehenden Macht der Fürsten gerechnet habe. Aber man gab die Hoff- nung doch nicht auf, dass in Frankfurt der Grundstein zu einem neuen Aufbau des deutschen Reichs gelegt werden würde. Die von dem Parlament angenommenen deutschen Reichsfarben schwarz-rot- gold wurden als Sinnbild der deutschen Einbeit mit Jubel begrüsst. Uberall wurden die Farben getragen, von jung und alt, von gross und klein, man sah sie an Mützen und Hüten, an Bändern und Kokarden. Sogar der König von Preussen hatte mit einer schwarz-rot-goldnen Armbinde geschmückt nach den blutigen Märztagen in seiner Hauptstadt mit seinen Ministern einen Umritt gehalten und hatte verkündigt, dass Preussen fortan in Deutschland aufgehen solle. Auch gefiel man sich daria, den Farben eine entsprechende Bedeutung beizulegen:Schwarz ist die Nacht, Blut ist rot, golden flackert die Flamme.Aus schwarzer Nacht durch das Morgenrot erhebt sich die goldene Sonne, der goldene Tag der Freiheit. So und ähnlich lauteten die Deutungen.

Bleibenden Eindruck hat mir eine Fahnenweihe gemacht, welehe in einem kleinen Land- städtchen es war die alte hessische Festung Ziegenhain die Schuljugend und die Be- wohner zu festlicher Feier unter freiem Himmel zusammenrief. Auf dem Giebel des Rathauses flatterten lustig im Morgenwind zwei Fahnen, eine rot-weisse und eine schwarz-rot-goldne. Der erste Geistliche*) der Stadt hielt die Weiherede: Die Eipzelstaaten sollten nicht aufgehoben werden, die Treue gegen den Landesherrn sollte nicht gebrochen werden, aber über den Einzelstaaten sollte das deutsche Reich stehen und diese alle zu einer höheren Einheit zusammenfassen. Und brausend er- schallte dann zum Schluss von der Menge der begeisterte Gesang des Liedes: Was ist des Deutschen Vaterland? dieses Liedes, das damals, ähnlich wie 1870 und 1871 die Wacht am Rhein, ganz all- gemein der Ausdruck und Träger der vaterländischen Begeisterung geworden war.

*) Stolzenbach, Dr. d. Theologie, Metropolitan d. Klasse Ziegenhain und erster Pfarrer. 1860.