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mit seinem Schwert gewonnen, das ging zum Teil durch die Federn der Diplomaten wieder verloren. Auf dem Wiener Congress kam es nicht zu einer festen Einigung Deutschlands, das 1806 zusammen- gestürzte deutsche Kaisertum ward nicht wiederhergestellt; die Scheelsucht des Auslands, besonders Russlands, welches kein starkes Deutschland neben sich haben wollte, und dazu die Eifersucht zwischen den beiden deutschen Grossstaaten Osterreich und Preussen vereitelte alles. Der deutsche Bund war kein Ersatz dafür, er war nur eine lockere Zusammenfügung von 38 Einzelstaaten— 34 monar- chischen und 4 freien Städten— ohne Schlussstein, ohne einheitliche Spitze.
Auch in unserer engeren Heimat, in Kurhessen, hatte sich die anfängliche Freude über die Rückkehr des Kurfürsten merklich abgekühlt, als er sämtlichen Neuerungen aus der westfälischen Zeit, auch wenn sie zeitgemässe Verbesserungen waren, seine Anerkennung versagte; und wenn es ihm auch zum Ruhme gereicht, dass er zu den wenigen deutschen Fürsten gehörte, die sich vor dem Korsen nicht gebeugt haben, so kann man sich doch leicht denken, welches Befremden es erregen musste, als er den Zopf bei den Soldaten wieder einführte; aus dem Munde des Vaters, der es selbst erlebt hatte, haben wir es mehr als einmal vernommen, dass bei der Parade mit der Elle nachgemessen ward, ob jeder Zopf die richtige Länge habe.
Durch dieses allgemein wachsende Gefühl der Unzufriedenbeit und Enttäuschung ward das Misstrauen der Regierungen wachgerufen. Verdiente Männer, die in den Freiheitskriegen die Träger der vaterländischen Begeisterung gewesen waren, wie E. M. Arndt, der Turnvater Ludwig Jahn u. a, wurden wegen staatsgefährlicher Umtriebe verfolgt. Durch polizeiliche Massregelung suchte man die Geister, die man in der Not gerufen hatte, zu bannen. Da war es denn namentlich die akademische Jugend, welche die Hoffnung auf Wiederherstellung eines deutschen Reichs mit einem deutschen Kaiser an der Spitze nicht sinken liess; begeisterten Ausdruck fand diese Bewegung durch die Jenenser Burschenschaft auf dem Wartburgfeste am 18. Okt, 1817, und wenn auch diese jugendliche Begeiste- rung nicht frei blieb von Auswüchsen, so ward doch das heilige Feuer durch sie bewahrt und in den gebildeten Kreisen unseres Volkes lebendig erhalten.
Nie vergessen kann ich, wie ich einst Zeuge eines Gesprächs über diese Bewegung war. Ein alter Jenenser,*) ein würdiger Greis im Silberhaar, hoch angesehener Geistlicher in dem fernen nordöstlichen Grenzgebiet des deutschen Stammes und der deutschen Zunge, der sich dort sein deut- sches Herz lauter und rein bewahrt hatte, kam mit einem Zeitgenossen auf jene längst entschwundene Zeit zu sprechen, und beide, treu den Idealen ihrer Jugend, traten mit Wärme für die Bestrebungen jener Zeit ein. Da erhielt ich den überzeugenden Eindruck, dass das jugendliche Feuer, das mit reiner Flamme noch das hohe Alter erwärmte, kein leeres Flackerfeuer gewesen sein konnte.
1848— 1852.
Unter den Erinnerungen an die geschichtlichen Ereignisse, die ich selbst erlebt habe, steht als erste obenan die bewegte Zeit des Revolutionsjahres 1848, die alle Geister in Aufregung brachte
*) Pastor Dr. Hermann Katterfeld, studierte im Jena 1817—19, später lettischer und deutscher Prediger in Kur- land,(zuerst in Preekuln, seit 1846 im Pastorat Süd-Durben) † 1876; seine ehrwürdige Erscheinung, die an das Bild des bejahrten Göthe erinnerte, liess sofort den kernigen deutschen Mann erkennen und war eine sprechende Bestä- tigung der von J. Grimm gemachten Bemerkung, dass das deutsche Volkstum gerade an den Grenzen sich oft schärfer ausgeprägt hat als im Binnenland, weil dort der Gegensatz zum Fremden den eignen Besitz um so höher zu schätzen lehrt.
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