Tschernitschews Abzug(3. Okt.) noch einmal zurück(15.— 20. Okt.), aber nach der Schlacht bei Leipzig war seines Bleibens hier nicht mehr. Das westfälische Königreich ward aufgelöst, der Kur- fürst Wilhelm I kehrte nach 7jähriger Verbannung aus Prag zurück und hielt am 21. November 1813 seinen Einzug über die von ihm selbst 1794*) erbaute Fuldabrücke. Die Freude der Landes- kinder über die Rückkehr ihres rechtmässigen Fürsten war so gross, dass sie ihm die Pferde von seinem Wagen abspannten und ihn selbst in die Stadt zogen. Viele von euch haben wohl das Bild in der letzten Kunstausstellung gesehen, welches diesen Vorgang zur Anschauung brachte.
In dem kurhessischen Garde-Jäger-Bataillon zog mein Vater in den beiden Feldzügen 1814 und 1815 mit nach Frankreich. Die hessischen Truppen sind nicht an grösseren Kämpfen beteiligt gewesen, da sie vorzugsweise zur Einschliessung der Festungen verwendet wurden. So lagen sie namentlich 1815 längere Zeit vor Mezières. Der Vater kam aus allen Gefahren wohlbehalten zurück; er sah es als eine glückliche Fügung, ja als eine Lebensrettung an, dass er, vom Nervenfieber er- griffen, nicht in ein Lazarett kam, sondern Pflege durch einen treuen Kameraden fand**). Nach Been- digung des Feldzugs diente er weiter und besuchte gleichzeitig die Forstlehranstalt, zuerst in Fulda und darauf in Melsungen, wohin sie verlegt ward; hier vollendete er seine forstliche Ausbildung. Seinen ehrenvollen Abschied aus dem Militärverband erhielt er als Korporal am 20. Mai 1827, nach- dem er„dem Hause Kurhessen 14 Jahr 6 Monat lang treu und redlich gedient.“
Durch seine Erzählungen ward uns Kindern schon in früher Jugend die denkwürdige Zeit der Freiheitskriege nahe gerückt. Die lebendige Entrüstung über die vorausgegangene Schmach, über die traurige Zeit des Rheinbunds und die Erniedrigung deutscher Fürsten vor dem mächtigen Empor- kömmling, daneben aber auch die Freude über die begeisterte Erhebung und den Sieg, über den Sturz des Gewaltigen, der sich selbst erhöht hatte und dann gedemütigt ward,— dieses göttliche Gericht, das über ihn erging und die sittliche Weltordnung wiederherstellte und zugleich ein leuch- tendes Beispiel gab, wie Grosses erreicht werden kann, wenn Fürsten und Völker einmütig zusammen- gehen— das alles hat sich den kindlichen Gemütern tief genug eingeprägt. Und so bekamen wir denn auch eine lebendige Anschauung davon, welchen Eindruck die hervorleuchtenden Gestalten jener grossen Zeit auf die Mitlebenden gemacht hatten. Vor allen anderen der Schutzengel der deutschen Sache, die Königin Luise, die leider so früh dem Kummer unterlag, deren Andenken aber nach ihrem Tode erhebend und begeisternd fortwirkte und deren verklärte Lichtgestalt nun wie ein heller Stern verheissungsvoll über dem neuen deutschen Kaisertum leuchtet,— sodann Blücher, der Marschall Vorwärts, der in der That die vorwärts treibende Kraft in den Freiheitskriegen gewesen ist,— ferner der Freiherr von Stein, der Deutschen Edelstein, der Bösen Eckstein, der Guten Grundstein, und neben diesem deutschen Mann die frische Gestalt des Heldenjünglings und Sängers, Theodor Körners, von dessen Grab ein Zweig mit Eichenblättern unter den Familienerinnerungen aufbewahrt wurde,— alle diese Gestalten wurden uns Kindern durch die Eltern vertraut und erschienen uns in einem höheren Licht.
Das Volk war aufgestanden und hatte sein Blut eingesetzt, durch seinen Opfermut war Deutschland von der Fremdherrschaft befreit worden; es erwartete, dass nun auch ein geeinigtes und starkes Deutschland aus diesem Kampfe hervorgehen würde. Aber was das Volk mit seinem Blut und
*) Wilhelmus IX. Hassiae Landgravius pontis hujus novi structura et civium commodis et urbis ornamento prospexit anno salutis MDCCXCIV. **) Heinrich Schmandt, seit 1833 Rentmeister der Freiherrl. Familie Schenk zu Schweinsberg, † 1867.


