sen werden sollten, und dieses Gebot war auch nach der Einnahme der Festung Charleroi und nach der Schlacht bei Fleurus wirklich schon ausgeführt worden. Inzwischen aber ward Robespierre und die Schreckensherrschaft gestürzt, und so kam der Gefährdete auch aus diesem Feldzug wohlbehalten zurück. Er erlebte dann die einschneidenden Veränderungen, die in dem Besitzstand der deutschen Fürsten durch den Reichsdeputations-Hauptschluss 1803 herbeigeführt wurden, und die damit zusam- menhängende Erhebung des Landgrafen von Hessen zum Kurfürsten. Wilhelm IX, nun als Kurfürst Wilhelm I, begann somit die Reihe der drei hessischen Kurfürsten. Bald folgte die Grün- dung des Rheinbundes und der Zusammenbruch des deutschen Reichs nach tausendjährigem Bestand, 1806, und im Jahr darauf die Auflösung des kurhessischen Staates und die Errichtung des König- reichs Westfalen mit der Hauptstadt Cassel, wo Napoleons jüngster Bruder Jerome seine Hofhaltung aufschlug; der alte Name Wilhelmshöhe ward in Napoleonshöhe umgewandelt; die Nagellöcher, in denen die neuen Buchstaben befestigt wurden, sind noch in dem Giebel des Schlosses zu sehen. Da der Grossvater wie die meisten hessischen Offiziere sich weigerte in dem neuen Königreich Westfalen Dienste zu nehmen, ward er abgeführt und eine Zeit lang in Luxemburg gefangen gehalten; einige kunstvolle Papparbeiten, die er in dieser Gefangenschaft angefertigt hat, gelten uns noch jetzt als teure Andenken. Später kehrte er zurück und fand eine dürftige Anstellung bei der Präfekturgarde in Marburg, aber seine Lebenskraft war gebrochen; vereinsamt durch den Tod der Grossmutter und von Kummer über das zu Boden getretene Vaterland niedergedrückt sank er 1809 in Marburg zu früh ins Grab. Die Kinder wurden mit Ausnahme des ältesten von Verwandten aufgenommen; einer unter diesen, welcher Geistlicher an der französischen Gemeinde in Hofgeismar war,*) ward der Pflege- vater meiner Mutter,**) und so kam es, dass diese in französischer Sprache konfirmiert ward. Eine be- wegte und entbehrungsvolle Jugend war ihr beschieden, um so reiner aber und reicher entwickelte sich ihr Gemütsleben. Und wenn ich über ihr späteres Wirken und Schaffen hier noch ein Wort beifügen darf, so kann ich nur sagen, dass das Bild, welches Schiller in seiner Glocke von dem Wal- ten der deutschen Hausfrau und Mutter in so unerreichbarer Weise entworfen hat, mir immer am meisten dem Bild meiner Mutter gleichzukommen schien.
1813— 1815.
Meine früheste Kenntnis von den weiteren weltgeschichtlichen Ereignissen knüpft sich an die Erlebnisse meines Vaters. Er hatte, für die Forstlaufbahn bestimmt, noch in den letzten Zeiten des westfälischen Königreichs seine Dienstzeit begonnen. So erlebte er es hier in Cassel, wie dieses Königreich 1813 zu Ende ging. Oft hat er uns Kindern mit Behagen davon erzählt, welche allgemeine Bestürzung hier in der Stadt entstand, als es hiess: Die Kosaken sind da. Tschernitschew war mit einem russischen Streifcorps vor dem Leipziger Thor erschienen und liess Cassel vom Forst aus be- schiessen; die Spuren dieser Beschiessung, den zerschmetterten steinernen Thürpfosten am Marmorbad und daneben die Inschrift: 30. September 1813, sowie den durchschossenen Stamm des Orangenbaumes,“**) der im Orangerieschloss zum Andenken an diese denkwürdige Begebenheit aufbewahrt wird, das habt ihr gewiss schon alle mit eignen Augen gesehen. Der König Jerome entfloh, kehrte zwar nach
*) Philipp Theobald, später Pfarrer in Ödelsheim und Metze, † 1853 in Bergen, Vater des 1846 in Cassel verstorbenen Gymnasiallehrers Dr. August Th. und des in Bergen 1878 verstorbenen Arztes Dr. Wilh. Th.
**) Henriette geb. Brauns, geb. 24. August 1802 zu Hersfeld, † 15. August 1864 zu Marburg.
**ꝓ) Das daran befestigte Schildchen gibt folgende Auskunft:„Dieser Orangenbaum wurde am 30. Sept. 1813 von Kosaken unter Czernitscheff durchschossen.— Nachdem dieser Baum noch 66 Jahre gegrünt und geblüht hat, ist der- selbe im Winter 1879 80 abgestorben.“:


