Aufsatz 
I. Beiträge zur deutschen Einheitsbewegung : Kaisersgeburtstagsrede / von Hermann Siebert
Entstehung
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Gefahr kamen, dass der Schwerpunkt ihrer Staaten sich verschob und ins Ausland zu liegen kam. Die kaiserliche Macht, zu einer schattenhaften Würde herabgesunken, vermochte sich nicht der Berau- bung deutschen Reichsgebietes durch Ludwig XIV zu erwehren. Ein Wunder ist's, dass dieser zu Boden getretene, zersplitterte, kraftlose Uberrest des deutschen Stammes wieder neue Wurzeln geschla- gen und frische Zweige getrieben hat und zu einem kräftigen Baum erstarkt ist und dass Deutschland nicht gänzlich als ein Raub des Auslands von der Karte Europas verschwunden ist. Dass das grösste Verdienst bei dieser glücklichen Wendung den Hohenzollern, dem unter ihrem Zepter aufstrebenden preussischen Staate gebührt, ist bekannt. Es würde heute zu weit führen, dieses im einzelnen nachzuweisen.

1776 1809.

Nur langsam erwuchs aus diesem Zustand deutscher Zersplitterung die Sehnsucht nach Ein- heit, und nicht ohne mancherlei schmerzliche Erfahrungen und Hemmungen. Wie manche Kraft erst noch verbraucht ward, ehe die Einheitsbewegung Gestalt und Bedeutung gewann, dafür können die Lebensschicksale meines Grossvaters als Beispiel dienen. Meiner Mutter Vater war von Geburt ein Hannoveraner, er war schon früh in hessische Dienste getreten, unter dem Landgrafen Friedrich II (1760 85), dessen Standbild inmitten unsres schönen Friedrichsplatzes ihr ja fast täglich vor Augen habt. Als Fähnrich nahm er an dem Zug der hessischen Truppen gegen Nordamerika teil(1776 1783); wie es hiess, war er eben in dieser Absicht hier eingetreten. Die ungeschichtliche Auffassung, als habe ein Verkauf hessischer Landeskinder durch ihren Landesherrn an England stattgefunden, war damals noch nicht vorhanden. Und wenn man heutzutage dem Landgrafen Friedrich II aus dieser Hilfe, die er dem König von England auf Grund des bekannten Subsidienvertrags leistete, ge- hässiger Weise gern einen schweren Vorwurf machen möchte, so vergisst man dabei, dass anderen Fürsten wegen ganz ähnlicher Subsidienverträge nie ein Vorwurf gemacht worden ist. Ein Vorwurf kann nicht diesen Fürsten, sondern nur seine Zeit treffen, und wenn es in der Gegenwart durch die herrschende Anschauung ebenso wie durch die Reichsverfassung unmöglich gemacht ist, dass ein deut- scher Fürst auf eigne Hand seine Truppen in den Dienst des Auslands stellen könnte, so wollen wir es mit freudiger Genugthuung erkennen, dass es hierin besser geworden ist, uns aber vor einer Be- urteilung von Vergangenem hüten, die ebenso ungerecht wie ungeschichtlich ist. Gleichwie die meisten aller Ausgezogenen kam auch mein Grossvater aus diesem Kriege im achten Jahre wohlbehalten hierher zurück. Unter Landgraf Wilhelm IX.(1785 1803, als Kurfürst 1803 1821), welcher auf Friedrich II folgte, zogen hessische Truppen, teils als Reichstruppen, teils als Hilfstruppen Englands, mit in den ersten Coalitionskrieg gegen das republikanische Frankreich. Wieder unter diesen englischen Hilfstruppen, die unter Yorks Führung standen, befand sich der Grossvater und machte den Feldzug in Flandern mit, 1793 und 1794. Er kam bei der Ubergabe von Ypern in französische Ge- fangenschaft und schwebte in grösster Todesgefahr, da Robespierre durch den Nationalconvent das un- menschliche Dekret hatte ergehen lassen, dass alle gefangenen Engländer und Hannoveraner erschos-

*) Christian Wilb. Brauns(1757 1809), Kapitän im Regiment Landgraf Kar], Vater des 1846 ver- storbenen Gymnasialdirektors zu Rinteln Dr. Karl Brauns, dessen Lebenserinnerungen in der Zeitschr. Hessenland 1893 Nr. 5 und 6 v. d. Verf. veröffentlicht sind.

**) Das Denkmal ist bekanntlich dem Landgrafen schon zu Lebzeiten errichtet worden, auch dies ein Zeichen dafür, dass er als Landesvater geschätzt ward. Vgl. d. Inschrift auf der Vorderseite: Friderico II patria MDCCLXXXIII. Auf d. Rückseite steht: Guilielmus I Elector statuam patris e sua sede ab hostibus avulsam reponi fecit MDCCCXVIII.