Aufsatz 
I. Beiträge zur deutschen Einheitsbewegung : Kaisersgeburtstagsrede / von Hermann Siebert
Entstehung
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der Heimat wie mit einem goldnen Reif umschliessen, sie sind mit den Namen der Eltern verknüpft: ich meine die beiden Worte Vaterland und Muttersprache.

1733.

Die erste Jahreszahl, die sich meinem Gedächtnis eingeprägt hat, ist 1733, denn diese Zahl steht schön eingemeisselt in dem Stein über der Eingangsthür meines Vaterhauses, das Jahr der Er- bauung bezeichnend; so hatte ich sie täglich vor Augen, und so erscheint mir dieses Jahr noch heute als das, bis zu welchem mein eigner Blick zurückreicht. Wenn doch die Steine reden könnten, was würden sie uns alles erzählen! Schon ein ganz flüchtiger Hinblick genügt, um uns an die tiefgreifenden Veränderungen zu erinnern, die sich seit jenem Jahre vollzogen haben. Das Jahr 1733 führt uns in die Regierungszeit Friedrich Wilhelms I, des strengen Vaters Friedrichs des Grossen. Erst seit 32 Jahren trugen die Brandenburger Kurfürsten die Königskrone, aber nur auf Grund ihrer ausserhalb der Grenzen des deutschen Reichs gelegenen und vom Königreich Polen rings umschlossenen Besitzung Ostpreussen. Wollte der Landesherr diese seine Besitzung auf dem Landweg besuchen, so musste er durch polnisches Gebiet reisen. Als zuerst eine Postverbindung zwischen Cleve und Königsberg her- gestellt worden war, mit welcher ein Brief in zehn Tagen so weit befördert wurde, staunte man über diese unerhörte Schnelligkeit. Die Provinz Westpreussen gehörte noch zu Polen, Schlesien zu Öster- reich, Sachsen zu Kursachsen, das nördliche Vorpommern samt Rügen zu Schweden, am Rhein und in Westfalen waren nur kleine Anfänge. Die Ausdehnung des ganzen brandenburgisch-preussischen Staates betrug fast gerade den dritten Teil seiner jetzigen Grösse, und die Zahl seiner Bewohner, ungefähr 2 Millionen, war kaum der 15. Teil der jetzigen Einwohnerzahl.

In unserer engeren hessischen Heimat, der damaligen Landgrafschaft Hessen-Cassel, führt uns das Jahr 1733 nahe an das Ende der 60jährigen Regierung des Landgrafen Karl(1670 1730) und in die Regierungszeit des Landgrafen Friedrichs I(1730 51), der zugleich(seit 1720) König von Schweden war. Den Landgrafen Karl kennt ihr alle von seinem Standbild auf dem Karlsplatz, von den schönen Anlagen der Karlsaue und der Wilhelmshöhe, die uns jahraus jahrein im Sommer wie im Winter Freude und Erfrischung bieten, und von seinem hohen Bauwerk, dem Octogon mit dem Herkules. Die 1688* von ihm begonnene Anlage der Oberneustadt, die Gründung Karlshafens und anderer französischer Gemeinden und Kolonieen lenkt unseren Blick noch weiter zurück auf Ludwig XIV, welcher durch die Vertreibung der Hugenotten sein eignes Land seiner fleissigsten und geschick- testen Bürger beraubte.

Fast keine Zeit fordert so sehr zu einem Vergleich mit der Gegenwart heraus als eben jenes Zeitalter Ludwigs XIV, die Zeit tiefster deutscher Ohnmacht und Zersplitterung. Durch die masslo- sen Leiden und das endlose Elend des unseligen 30jährigen Krieges war Deutschland verwüstet und entvölkert worden, kraftlos und zertreten lag es am Boden, dem Ausland preisgegeben. Ausländische Herren besassen deutsche Gebiete und hatten ihre Hände in den deutschen Angelegenheiten, während die mächtigsten deutschen Landesfürsten durch ausserdeutsche Besitzungen abgezogen wurden und in

*) Vergl. die Inschrift an dem westlichen Eckhause des Friedrichsplatzes und der Frankfurterstrasse: VRBIS PRIMA DOMVS POSVIT FVNDAMINA PRINCEPS

CAROLVS Is VIVAT srer DoMVs VRBSaVV PDIV. Das Jabr ergibt sich aus den grösseren Buchstaben.