Aufsatz 
I. Beiträge zur deutschen Einheitsbewegung : Kaisersgeburtstagsrede / von Hermann Siebert
Entstehung
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gelegt, wir erfreuen uns des Schönen, das wir gesehen und erlebt haben, und indem wir hinschauen auf die Ziele, die noch vor uns liegen, wächst uns die Kraft und die Lust unsere Wanderung frohen Mutes und leichten Schrittes fortzusetzen. Manches Unbequeme aber, das uns belästigte, wird klein und unbedeutend, wenn wir es aus der Ferne ansehen, oder verschwindet gänzlich vor der Grösse dessen, was uns ein wertvoller Besitz geworden ist. Und dieser wertvolle Besitz, den unsere Väter und Vorväter noch nicht besessen haben, das ist ein geeinigtes, starkes deutsches Vaterland.

Ihr jüngeren habt nicht mehr erlebt, dass es auch anders war. Man nimmt heute schon vieles als selbstverständlich hin, als ob es immer so gewesen sei und gar nicht anders sein könnte. Allein wenn wir nur in die letzte Vergangenheit zurücksehen, die wir älteren erlebt haben, so zeigt sich uns schon recht deutlich, wie vieles in kurzer Zeit anders geworden ist. Es ist schon ein gan- zes Stück Weltgeschichte, das wir älteren mit eignen Augen überblicken, und was für ein Stück! Gewiss das schönste Stück der deutschen Geschichte. Und wenn wir noch hinzunehmen, was wir von unseren Vätern durch mündliche Mitteilung gehört haben, und das steht in der Erinnerung dem Selbsterlebten sehr nahe dann ist der Zeitraum, den wir s. z. s. mit eignen Augen überblicken, fast ein ganzes Jahrhundert, d. h. unsere eigne Erinnerung erstreckt sich ungefähr über den zwan- zigsten Teil der Zeit, die seit der Geburt des Weltheilands verflossen ist.

Die mächtigste und tiefste Bewegung in den letzten hundert Jahren der deutschen Geschichte ist unstreitig das Streben nach einer Einigung Deutschlands gewesen, ein Suchen und Sehnen, nach manchen Enttäuschungen erneutes Versuchen und ein endliches Finden und Gelingen. Nur einige bescheidene Beiträge zur Geschichte dieser Einheitsbewegung sollen uns heute dazu dienen, unsere dankbare Freude über das, was wir erreicht haben, zu mehren.

Gustav Preytag hat aus zwei Jahrtausenden deutscher Vergangenheit Kusserungen deutscher Männer aller Stände gesammelt, und so zeigt er uns in anschaulichen Bildern, wie die grossen welt- bewegenden Ereignisse sich in dem Leben der Einzelnen abspiegeln und bestimmenden Einfluss auf dieses ausüben. Khnliches, wie in der Vergangenheit, erlebt auch jedermann in der Gegenwart, und wie ganz andere Bedeutung hat doch alles Selbsterlebte für uns als das, was wir nur aus Büchern erfahren! Und so möchte ich denn heute bei dem Ausblick in die Vergangenheit an einige eignen Erinnerungen anknüpfen und euch zugleich damit eine Anregung geben, dass ihr das, was ihr, ein jeder in seinem Kreise, erlebt habt und noch erleben werdet, in treuer Erinnerung bewahrt und den Zusammenhang dieses Selbsterlebten mit der Entwickelung der grossen Angelegenheiten unseres Va- terlands zu erkennen und zu verstehen sucht. Wenn ich nun hierbei auch einigemal meiner Eltern oder Voreltern gedenke, so bewege ich mich nur innerhalb des Gebotes, das ja der Neigung des Herzens entgegenkommt wie kein anderes: Du sollst Vater und Mutter ehren! Nicht ohne Grund ist gerade diesem Gebote die schöne Verheissung beigefügt: Auf dass dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Denn auf der Erfüllung dieses Gebotes beruht die Gesundheit und das Gedeihen des Hau- ses; das Haus ist die Grundfeste, auf der sich das Volk, der Staat aufbaut; die Gesundheit, das Ge- deihen, die Stärke des ganzen Volkes, des Staates beruht auf der Gesundheit der Familie, des Hau- ses. Eine schöne Anerkennung der hohen Bedeutung dieses Bibelwortes ist in dem Dichterwort ent- halten:Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt. Ja, die Liebe zur Heimat, die Liebe zum eignen Volk, worauf sonst ruht sie in ihrem tiefsten Grunde als auf der Liebe zu den Eltern? Ich vill nur noch daran erinnern, wie auch die Sprache in ihrem geheimnisvollen Walten dies so schön be- stätigt: Die beiden Worte, welche alles Schöne, Grosse und Herrliche, allen Reichtum und alle Schätze