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Ausdehnung durch die Wärme:
Wie in optischer Beziehung, so giebt es auch hinsichtlich der Ausdehnung durch die Wärme drei Hauptrichtungen oder thermische Axen, die der grössten, mittleren und kleinsten Ausdehnung durch die Wärme, und es gilt nun das Gesetz: Alle Krystallflächen, die einer thermischen Axe parallel sind, bleiben es bei allen Temperaturen, dahingegen ändern sich die Neigungswinkel derjenigen Flächen gegeneinander, die keiner thermischen Axe parallel sind. Im rhombischen System stehen die drei Axen zu einander senkrecht und bestimmen drei zu einander senkrechte thermische Hauptschnitte, die mit den geometrischen Symmetrie-Ebenen zusammen- fallen. Die thermische Ausdehnung erfolgt somit symmetrisch zu den Symmetrie-Ebenen. Deshalb, es mögen die Anderungen der Dimensionen nach den verschiedenen Richtungen noch so verschieden sein, wird der Grad der Symmetrie eines rhombischen Krystalls niemals durch die Ausdehnung infolge Temperaturänderung gestört.
Bei den monosymmetrischen Krystallen ist es Klinopinakoid ein thermischer Hauptschnitt. In Bezug auf diesen ist die Symmetrie völlig unabhängig von der Temperatur des Krystalls.
Bei den asymmetrischen Krystallen stehen die thermischen Axen in keiner gesetzmässigen Beziehung mit krystallographischen Richtungen. Da demnach von den natürlichen Flächen eines Krystalls keine einzige genau parallel einer thermischen Axe ist, so muss jede derselben ihre Lage gegen die drei thermischen Axen ändern, d. h. alle Winkel eines asymmetrischen Krystalls sind veränderlich mit der Temperatur desselben.
Hinsichtlich der elektrischen Eigenschaften der zweiaxigen Krystalle kann ich im Wesentlichen das wiederholen, was ich darüber bei den einaxigen gesagt habe. Die Leitungsfähigkeit der Elektricität entspricht den Symmetrie-Verhält- nissen des Krystalls und in noch höherem Grade die pyroelektrische Erregung. In dieser Richtung sind besonders Gyps, Diopsid, Aragonit und Topas untersucht worden.
Die magnetischen Eigenschaften.
Die zweiaxigen Krystalle haben, wenn sie ihrer ganzen Masse nach paramagnetisch sind, eine Richtung des stärksten, eine des mittleren und eine des schwächsten Magnetismus; die diamagnetischen ebenso eine des grössten, eine des mittleren und eine des kleinsten Diamagnetismus, daher ein solcher Krystall, in Kugelform gebracht, wenn er in einer beliebigen Richtung zwischen den Polen eines Magneten aufgehängt wird, stets eine bestimmte Einstellung annimmt, derart, dass sich unter allen in der Drehungsebene liegenden Richtungen diejenige des relativ stärksten Magnetismus oder schwächsten Diamagnetismus axial stellt.
Aus allem, was mitgeteilt ist, geht zur Genüge hervor, dass durch jede physikalische Eigenschaft einer krystallisierten Substanz sich ihre Zugehörigkeit zu einer der drei Klassen, die wir in physikalischer Hinsicht unterschieden haben, bestimmen lässt; und da andererseits diese drei Klassen identisch sind mit den drei Hauptklassen, die sich aus den geometrischen Symmetrie- verhältnissen ergeben, so ist der Krystall auch zugleich seiner geometrischen Abteilung zuge- ordnet. Dasselbe gilt natürlich auch in umgekehrter Folge. Dass diese Wechselbeziehung zwischen Krystallform und physikalischer Natur der Mineralien nicht bloss theoretisch sehr interessant ist, sondern auch praktisch von allergrösstem Werte, liegt auf der Hand.
Es giebt Krystallformen verschiedener Systeme, die sich so ähnlich sind und die in ihren Winkeln so geringe Unterschiede zeigen, dass selbst der Fachgelehrte im Zweifel sein kann,


