Aufsatz 
Über den Zusammenhang der physikalischen Eigenschaften der Krystalle mit ihrer Krystallform / von Wilhelm Völler
Entstehung
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Die Elasticitätsfläche, die wir erhalten, wenn wir uns von einem Punkt im Innern eines isotropen Krystalls nach allen Richtungen Längen proportional der Quadratwurzel der Elasticität des in demselben befindlichen Kthers abgetragen denken, ist eine Kugelfläche.

Bringt man ein einfach brechendes Mineral in das Polarisationsinstrument(für paralleles oder convergentes Licht), so ist das Sehfeld hell bei parallelen und dunkel bei gekreuzten Nicols, auch bei einer Drehung des Minerals um eine volle Umdrehung. Man erkennt an diesem Verhalten die isotropen Mineralien, doch giebt es Fälle von Auomalieen, wo sich isotrope Krystalle auch anders verhalten, nämlich wie anisotrope. Diese Anomalieen, die man als eine Folge eigentümlicher innerer Spannungen ansieht, vermögen aber die allgemeine Theorie nicht zu erschüttern, vielmehr bestätigen sie dieselbe nur, wie die Ausnahmen die Regel bestätigen.

Man hat künstlich optische Anomalieen durch Pressung oder Temperaturänderungen hervor- gerufen und andererseits vorhandene in ähnlicher Weise beseitigt.

Einfach brechende Krystalle zeigen keinen Pleochroismus, weil in ihnen alle Richtungen optisch, also auch in der Farbe gleich sind.

Die thermischen Verhältnisse der regulären Krystalle stellen in jeder Beziehung das vollkommene Analogon der optischen dar: die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Wärmestrahlen, die Leitung der Wärme, die Ausdehnung durch Annahme einer hohern Tem- peratur sind nach allen Richtungen dieselben. Charakteristisch sind die Sénarmontschen Figuren oder Isothermen, die das Wäarmeleitungsvermögen nach den verschiedenen Richtungen erkennen lassen. Sie bilden sich auf den mit Wachs überzogenen Krystallplatten, wenn dieselben von einem

Punkte aus erwärmt werden. Entsprechend den Symmetrieverhältnissen der regulären Krystalle sind die Isothermen der isotropen Mineralien Kreise.

Die elektrischen Eigenschaften. Dieselbe Beziehung zur Krystallform, wie sie sich in den Sénarmontschen Isothermen bezüglich der Wärmeleitung erkennen lässt, stellte sich heraus bei Versuchen über Leitung der Elektricität. Krystallplatten wurden mit Lycopodium- samen bestreut und durch eine Nadelspitze Elektricität auf dieselben übergeführt. In der Richtung der bessern Leitung wird das Pulver stärker fortgeschleudert, und so bilden sich um die Nadel- spitze entblösste Stellen, die entweder elliptisch oder kreisförmig sind. Bei den regulären Krystallen waren es Kreise.

Die Mineralien nehmen durch mannigfache Ursachen elektrischen Zustand an, so durch Reibung, durch Druck, durch Lichtbestrahlung, Wäarmebestrahlung und, was besonders wichtig ist, auch durch Temperaturveränderung. Die auf die letzterwähnte Art erzeugte Elektricität ist die Pyroelektricität, auf welche hinzuweisen ich schon früher Veranlassung nahm. Die pyroelektrische Erregung ist der Art, dass einzelne Stellen am Krystall positiv, andere negativ werden, und zwar werden diejenigen Stellen, welche bei Temperaturerhöhung positiv werden, bei Temperatur- erniedrigung negativ elektrisch und umgekehrt; die ersteren werden die analogen Stellen genannt, die letzteren die antilogen. Es gilt nun als Gesetz, dass gleiche Stellen und gleiche Richtungen eines Krystalls sich pyroelektrisch gleich verhalten, und zwar nicht nur in Bezug auf das Vor- zeichen der Elektricität, sondern auch bezüglich der Intensitaät derselben, und es ist fernerhin sehr wahrscheinlich, dass sich ungleiche Stellen auch pyroelektrisch ungleich verhalten, sodass eine vollständige Ubereinstimmung zwischen der krystallographischen Symmetrie und dem pyroelektrischen Verhalten vorliegen würde.

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