Aufsatz 
Über den Zusammenhang der physikalischen Eigenschaften der Krystalle mit ihrer Krystallform / von Wilhelm Völler
Entstehung
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Den vorstehenden drei Hauptklassen von Krystallen entsprechen drei in physikalisch er Hinsicht unterschiedene Krystallklassen, nämlich: 1. die einfach brechenden Krystalle, 2. die optisch einaxigen, 3. die optisch Zweiaxigen Krystalle. Die Bezeichnungen sind deshalb nach dem optischen Verhalten der Krystalle gewählt, weil dieses das weitaus Wichtigste ist. Es entsteht nun die Aufgabe, diese drei Klassen physikalisch genau zu charakterisieren und ihre Identität mit den geometrischen darzuthun:

1. Die einfach brechenden Krystalle.

Ich muss eine allgemeine Bemerkung vorausschicken: Will man einen Körper physikalisch bestimmen, so untersucht man ihn in Bezug auf sein specifisches Gewicht, seine Elasticität, seine Cohäsion, seine optischen, thermischen, magnetischen und elektrischen Verhältnisse. Das specifische Gewicht, als von der Struktur unabhängig, kommt hier nicht in Betracht, alle übrigen physikalischen Eigenschaften dahingegen sind zu untersuchen, doch ist da eine Unterscheidung von zwei Gruppen zu machen, nämlich erstens solcher, für welche

a) krystallographisch gleiche Richtungen auch physikalisch gleich sind, b) krystallographisch verschiedene Richtungen auch physikaſisch verschieden sind, und zweitenssolcher, fr welche das zu ad a Gesagte gilt und das zu ad b Gesagte nicht gilt.

Zu der ersten Gruppe gehören die Elasticität, Cohäsion und, wie es scheint, auch die Pyroelektricität, zu der zweiten Gruppe alle übrigen physikalischen Eigenschaften. Hinsichtlich der Pyroelektricität bemerke ich, dass ich sie nicht gesondert behandeln werde, sondern im Zusammen- hang mit den übrigen elektrischen Eigenschaften. Nachdem ich dieses vorausgeschickt habe, be- ginne ich mit der Betrachtung der

Elasticitätsverhältnisse einfach brechender Körper.

Unter Elasticität versteht man die Eigenschaft eines Körpers einer Anderung seiner Dichte, d. h. der Abstände seiner Moleküle, einen Widerstand entgegenzusetzen. Die Grösse der Elasticität ist einerseits abhängig von der Materie, andererseits bei gleicher Materie von der Richtung, in welcher sie bestimmt wird. Man hat Stäbe in verschiedenen Richtungen aus den Krystallen heraus- geschnitten und durch Gewichte(aufgelegte oder angehängte) komprimiert oder dilatiert und das Verbältnis der Anderung zum Gewicht, d. h. den Elasticitätscoefficienten bestimmt. Auch durch Biegung und Torsion der Stäbchen hat man sich Aufschluss über die Elasticitätsverhältnisse ver- schafft, ferner hat Savart durch seine Klangfiguren und Groth durch Bestimmung der Schallge- schwindigkeit(in Steinsalzstäben) gute Resultate nach dieser Richtung hin erzielt.

Es ergab sich bei den einfach brechenden Körpern, dass unter Voraussetzung gleicher Dimensionen des Stäbchens.

1. die Elasticitätscoefficienten gleich waren in krystallographisch gleichwertigen,

2. verschieden waren in krystallographisch ungleichen Richtungen; z. B. in den drei Hauptaxen fand man die Elasticität übereinstimmend, ebenso in je zwei zu einer S.-E. symmetrisch liegenden Richtungen. Denkt man sich von einem beliebigen Punkt im