— 27—
Nach alten authentischen Mitteilungen nämlich besass die Insel Helgoland ausser der„roten Klippe“, dem jetzigen Oberland, auch noch eine zweite,„weisse Klippe“. Im Jahre 1570 soll die- selbe noch fast von der Höhe der ersteren gewesen sein; durch Steinbruchsarbeiten aber, die in dem„kalkweissen“ Steine ausgeführt wurden, ist diese Klippe so verkleinert worden, dass im Jahre 1711 bereits der letzte Rest verschwand und nur ein Riff, der Wite Klif Brun, übrig blieb. Welche grosse Massen des sog. Kalkes dort gebrochen wurden, lässt sich schon daraus erkennen, dass, wie berichtet wird, 1618 eine Last von 12 Heringstonnen um 5 Reichsthaler verkauft wurde. Dass dieser sog. Kalk aber nicht wirklicher Kalk, sondern Gyps gewesen sei, davon zeugen die noch bei der Düne sich findenden, scharfkantigen Gypsstücke, die auf der Insel in einem alten Grabe gefundenen grossen Gypsplatten und die Thatsache, dass wie sonst in Norddeutschland auch auf Helgoland die älteren Gebäude nicht durch Kalk-, sondern durch Gypsmörtel gefestigt sind. Auch wird überhaupt in Norddeutschland für Gyps gewöhnlich Kalk gesagt, und so bestehen auch der sog. Kalkberg bei Segeberg in Holstein und der Kalkberg bei Lüneburg beide aus Gyps.— Gerade dieser Gypsfelsen der Witen Klif aber dürfte für die geologische Geschichte der Insel nicht ohne Wichtigkeit sein.
Von den die Insel Helgoland umgebenden Klippen aus senkt sich nach allen Seiten mehr oder weniger rasch, z. T. plötzlich und schroff der Meeresboden tiefer hinab bis zu Tiefen von 70 bis über 140 Fuss, und erst wieder in weitester Entfernung nahe den Küsten des Festlandes erhebt er sich allmählich wieder, so dass das Helgolander Gebiet sich als eine ganz vereinzelte selbständige Erhebung darstellt. Da, wo jetzt noch das Oberland alles andere hoch überragt und eine Strecke weiter noch südwestwärts muss die stärkste Erhebung stattgefunden haben, und zwar in sehr früher Zeit, nicht allein weil von hier aus nach Nordost die Schichten sich absenken, sondern besonders auch, weil, wie bereits mitgeteilt wurde, ringsherum Kreide abgelagert ist, welche gemäss den Beobachtungen über das Fallen der Schichten bei der Düne nach Südwest zu sich auskeilt, dünner wird, so dass daraus eben geschlossen werden muss: als die Kreide sich absetzte, war jene mittlere Erhebung schon da und ragte aus dem umgebenden Kreidemeer empor, infolgedessen dieser Teil von Kreide unbedeckt blieb. Welches die Kräfte waren, durch die jene Hebung, jene Aufrichtung der Schichten erfolgte, ist kaum mit einiger Bestimmtheit zu sagen, und doch ist ein gewisser Hinweis auf die Möglichkeit einer Deutung gegeben durch das vorerwähnte Gypskliff. Die meisten Gypsmassen sind nämlich durch chemische Umänderung, durch Wasseraufnahme, aus Anhydritmassen entstanden, wie das vielorts, gerade bei den bedeutendsten Gypsablagerungen, so z. B. am Südharz zu erkennen ist. Bei dieser Wasseraufnahme wächst aber das ganze Lager seinem Volumen nach um volle 60%, infolgedessen überall solche sich verändernden Anhydritlager gewaltige Schichten- störungen veranlassen, so dass man mehrfach darin früher die Wirkung der mächtigsten vulkanischen Einflüsse zu sehen vermeinte. Befand sich ein einigermassen mächtiges Anhydritlager unter dem roten Gestein, besonders gerade in der Gegend der Hauptinsel, so musste dieses bei seiner Um- wandlung in Gyps notwendiger Weise auch hier eine Erhebung, ein Aufschwellen des Bodens, der überlagernden Schichten veranlassen, wobei an einer Stelle leicht ein Bruch der Schichten quer zu ihrer Fallrichtung erfolgen und die Gypsmassen hier heraus gepresst und zu einer Klippe wie das Wite Klif emporgetürmt werden konnten.
Nachmals hat die ganze Insel mit dem umgebenden Meeresboden und mit ganz Nord- deutschland und vielen weiteren Teilen von Europa eine tiefer und tiefer gehende Senkung


