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Doch auch der Naturgenuss allein, der des Besuchers harrt, lockt gar manchen nach dem einsamen Eiland. Der wunderbare Blick von der Insel auf das Meer, besonders von der Höhe des Leuchtturmes, wo ringsherum bei der Kleinheit der Insel, jenseit der grünen Fläche mit den einsam grasenden Schafen, jenseit des freundlichen Städtchens am südlichen Ende, überall die hohe See hervortritt, der Blick auf die ferne Brandung an dem ringförmigen Klippenzuge, auf die blendend weisse Düne, auf die bunte Färbung der meist von zahlreichen Fahrzeugen belebten weiten Wasserfläche kann auf keinen der Besucher seine Wirkung verfehlen, die um so stärker wird, wenn bei hettigeren Winden die Wogen sich höher heben und mit ihrem nie endenden, wechselvollen Spiele das Ange fesseln. Dazu kommt, Nachts das Leuchten des Meeres, das gerade hier in ungewöhnlicher Schöne erglänzt, dazu kommen die Meerfahrten mit Ruder- und Segelböten, vorab die Fahrten rings um lie Insel, dicht her an den steilen, zerrissenen Felsenwänden, zu denen staunend der bewundernde Blick emporklimmt, dazu der Anblick der ganzen vielzackigen, unersteiglichen Felswand selbst mit ihren Vorsprängen und natülichen Thoren und abgetrennten Felspfeilern, dazu die unterhaltende Betrachtung der lebenden Natur, der Fische und anderen Seegetiere und der zahlreichen Vögel, alles, alles das bietet eine so reiche Summe von Anregung und Genuss, dass die Trennung schwer wird und wie nach dem Hochgebirge der Alpen eine Art Heimweh den Geschiedenen mit eigentümlicher, wunderbarer Macht zurückzieht.
Ebenso füurt das specielle Studium der Natur gar maànchen auf die Insel. Aljjährlich weilen für längere oder kürzere Zeit Naturforscher dort, sich durch die Beobachtung der reichen Tierwelt der See zu erfreuen und zu belehren, wozu die verhultnismässige Mannigfaltigkeit und Menge gute Gelegenheit bieten. Auch die Vogelwelt gewährt ein grosses Interesse, indem Helgoland ein förmlicher Versammlungsort der hier einen Ruheplatz findenden Flieger der südlicheren und der nördlichsten Gegenden ist. Für die Helgoländer Jugend ist daher auch der Vogelfang eine Hauptbeschäftigung wie das Vogelschiessen für gelangweilte Badegäste. Die Zahl der beobachteten Arten soll hier eine weit grössere sein als an irgend einem anderen Punkte Europas.
Auch der Botaniker findet nicht nur in dem Meere, sondern sogar auf der Insel selbst manches Interessante. Das grösste Interesse jedoch muss die Insel mit der Düne und ihren Klippen dem Geologen abgewinnen.
Bei der Besprechung der geologischen Verhältnisse möchte ich mir desbalb erlauben etwas länger zu verweilen, zumal bes. durch deren Untersuchung alle die Sagen von einer ehemaligen Grösse der Insel, die merkwürdiger Weise auch heute noch immer wieder auftauchen, ihre Wider- legung und Berichtigung gefunden und ebenso die wirklich stattfindenden, jedoch sehr allmählichen Zerstörungen an der Insel] genauer verfolgt und in ihren Ursachen und ihrer Stärke und Ausdehnung erkannt werden konnten. 1
Wenige Punkte der Erde gestatten, trotzdem dass hier viele zur Untersuchung auffordernde Objekte meist oder stets vom Meere bedeckt sind, in so ausgezeichneter und wunderbarer Weise einen Blick in die Vergangenheit, einen Einblick in die Geschichte des Werdens, des sich Veränderns, wie es hier auf engem Raume qurch die Helgoländer Erhebung geschieht. Zugleich hat Helgoland Gelegenheit gegeben die Fortschritte der geologischen Wissenschaft und die Aus- dauer und den Scharfsinn ihrer Vertreter zu erkennen. Besonders trug der verstorbene Prolessor Karl Wiebel aus Hamburg zur Klarlegung des Sachverhalts bei, durch seine ebenso umfassen- den wie exakten, mit unermüdlichem Pleisse und anerkennenswertester Sorgfalt und Mühewaltung 1


