— 6—
sagt Drumann;„Er hatte das Vertrauen des Volkes verloren, durch seine Unwürdigkeit wurde er schwach. In den früheren Jahrhunderten überwachte er mit seinem Ansehen das Ganze und hielt es zusammen“.„Jetzt war die Mehrheit der Senatoren nur noch durch die Geburt ausge- zeichnet; sie hatten das unbeneidete Vorrecht, dass fast nur Männer aus ihrer Mitte als Beklagte erschienen, wenn es sich um die strafbarsten Vergehen und um die schimpflichsten Laster handelte. Wenige gelangten auf einem anderen Wege als durch Bestechung in die Curie, denn man warb bei den Magistratswahlen nicht bloss mit Geld um die Stimmen. War dies erreicht, so frönte man einer schamloson Selbstsucht und kannte keinen Gemeinsinn, als sofern man mit vereinigten Kräften das Emporkommen nicht Ebenbürtiger und beschränkende, auf Abstellung der Missbräuche berechnete Gesetze und Einrichtungen zu verhindern strebte.“
So stellt sich denn auch das Bild dar, das uns Sallust von den römischen Verhältnissen gibt.
Wer die sittlichen Zustände seiner Zeit so in ihrer ganzen Verdorbenheit erkennen konnte, wie Sallust es that(Cat. 10, 11, 12, 13), wer ihnen gegenüber die Vorzüge älterer Zeiten so warm anzuerkennen vermochte, wie wir es in seinen Schilderungen(Cat. 6— 9) lesen, der musste sich selbst wieder frei gemacht haben von der Macht des Bösen. Gerade die in dem ursprünglich edel angelegten Manne erfolgte Wiedergeburt trieb ihn offenbar in der Schilderung von Abschnitten der ihm noch naheliegenden oder zeitgenössischen Geschichte seinen Landsleuten einen Spiegel vorzu- halten, damit sie in ihrem Bilde die ihnen drohenden Gefahren erkennen und wo möglich noch um- kehren möchten auf dem Wege, der zum Abgrund führen musste.
Allerdings wollte sich Sallust mit seiner schriftstellerischen Thätigkeit auch einen Namen machen. Er spricht aus, dass die schwierige Aufgabe der Geschichtsschreibung, wenn man dies auch noch nicht zugeben wolle, in ihrer Art nicht weniger verdienstvoll sei als das Vollbringen rühmenswerter Thaten(Cat. 3). Frei von Furcht und Hoffaung, unbeeinflusst von den Parteien, will er in kurzen Zügen wahrheitsgetreue Schilderungen besonders denkwürdiger Abschnitte der römischen Geschichte geben und sucht sich dazu Aufgaben, denen er gewachsen zu sein glauben durfte.
So manche Angriffe seine Darstellungen auch in alter und neuerer Zeit zu erfahren gehabt haben, so überwiegt doch bei weitem die Anerkennung. Man erkennt in ihm den geschickten Nach- ahmer des Thukydides; etwa gleichzeitig mit Cäsar, aber ganz unabhängig von diesem, machte er die römische Geschichtsschreibung erst dieses Namens würdig. Kurz und oft scharf zugespitzt ist seine Ausdrucksweise, hierdurch in stärkstem Gegensatz besonders zu Cicero stehend, gegen dessen wortreiche Breite sein Stil allerdings bedeutend absticht. Subtilissimus brevitatis artifex wird er genannt, und Tacitus bezeichnet ihn(Annalen, III, 30) als florentissimus rerum Romanarum auctor. Wenn ihm der Vorwurf gemacht wird, er sei ein novator verborum, so teilt er diesen mit den besten Schriftstellern, die eben Mut und Geschick genug besassen, die Sprache zu bereichern. Eher mag der etwas altertümelnde Charakter seiner Ausdrucksweise hier und da gesucht erscheinen.
Bernhardy*) urteilt folgendermassen über den Schriftsteller: Sallust war ein ausgezeichneter Künstler, der Stoff und Form mit Talent und Methode beherrschte; dafür zeugen seine Sprach- und Redemittel, seine klassische Latinität ebensosehr als der pathetische Geist und Organismus seiner Werke. Wie er zwischen dem Alten und Neuen steht, so blieb seine Sprache zwischen Eleganz und Altertümlichkeit geteilt. Sein lebhafter und energischer Stil verbindet in berechneter
*) Bernhardy, Grundriss der römischen Litteratur, 4. Bearbeitung. S. 661 und 62.


