Aufsatz 
I. Einleitung und Kapitelüberschriften zu einer Schulausgabe von Sallusts Catilina / von Wilhelm Wittich
Entstehung
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Sallusts Charakter hat scharfe Angriffe zu erfahren gehabt. Der Grammatiker Lenaeus, ein Freigelassener des Pompejus, trat ihm in einer heftigen Schmähschrift entgegen; eine angeb- liche Rede Ciceros gegen ihn wirft ihm die schlimmsten Dinge vor. Mag dieselbe auch zweifellos ebenso ein Machwerk aus Rhetorenschulen sein wie die den Namen Sallusts tragende Rede gegen Cicero, auf welche jene die Antwort bildet, so beweist sie doch, wie gross in manchen Kreisen und zu verschiedenen Zeiten Roms der Groll gegen den Sittenrichter war, als welcher Sallust in seiner schriftstellerischen Thätigkeit allerdings auftritt. Die sündige Menschheit lässt sich nicht gern Moral predigen, und am wenigsten gern von ihresgleichen, auch wenn der Richtende an sich selbst den Anfang gemacht hat und umgekehrt ist auf dem Wege des Lasters.

So aber steht es offenbar mit Sallust. Mag er auch im tiefsten Innern stets Abscheu empfunden haben gegen die alle Grenzen überschreitende Schamlosigkeit der Mehrzahl seiner Zeit- genossen, so hatte er sich doch thatsächlich nicht von ihren Lastern freigehalten, von ausschweifen- dem Leben so wenig wie von Habsucht. Denn soviel wir auch bei seiner Ausstossung aus dem Senat wie bei seiner Anklage über Erpressungen auf Rechnung der politischen Leidenschaften seiner Gegner setzen wollen, so lässt sich doch nicht annehm en, dass man ihn nur verleumdet habe; für seine volle Schuldlosigkeit, wenn sie vorhanden gewesen wäre, würde es uns sicherlich nicht an Zeugnissen der Zeitgenossen fehlen. Auch war es Thatsache, dass er nach seinem Abgang aus Afrika im Besitz bedeutender Reichtümer war, die ihm die Erwerbung und Verschönerung eines Grundbesitzes ermöglichten, der unter dem Namen der horti Sallustiani an der Porta Salaria von späteren Kaisern, wie Vespasian, ihres Aufenthaltes für würdig befunden wurde. Sicherlich aber gehörte Sallust nicht zu hervorragend schlechten Menschen; dagegen spricht zu deutlich der warme sittliche Ton in seinen Schriften, der picht erheuchelt sein kann. Sich unbescholten zu erhalten bei einem so verkommenen sittlichen Zustand, wie er in Rom herrschte, ging eben über menschliche Kräfte hinaus.

Rom hatte eine Welt sich unterworfen; die Schätze des ganzen Erdkreises strömten in der einen Stadt zusammen.Das Leben wurde ein langer, endloser Feiertag.*)Der Staat war in sich zerfallen.Die Nobilität herrschte mit den Fehlern und Ansprüchen und ohne die Tugenden der Patricier.Unter den Missvergnügten waren die Herabgekommenen von vornehmer Geburt die gefährlichsten. Einige büssten für die Sünden der Väter und hatten kein Erbe als einen be- rühmten Namen, Verwöhnung und angesehene Verbindungen, welche sie auch ohne eigene Neigung zum Aufwande zwangen. Andere verschwendeten den väterlichen Nachlass; Wucherer halfen, so lange sie Sichefrheit hatten, und liessen sie dann plötzlich sinken, am Rande des Abgrundes wendeten sie sich gegen die Gesellschaft. Diese Bettler mit Ahnenbildern warben in der Masse. Von den Gläubigern gedrängt und vom Gesetze bedroht, da auch schon verbotene Heilmittel versucht waren, übereilten sie sich; der Staat sollte bei dem ersten wilden Anlauf zusammenstürzen, und die Streiche fielen auf sie zurück.Not, Leidenschaft und Mut sind furchtbare Elemente der Empörung; nur grössere Gewalt oder ein sittlich religiöser Sinn geben ein Gegengewicht.Ohne eine religiöse Grundlage schwebte der Staat jetzt in der Luft, und nicht weniger entbehrte das Privatleben eine sichere Stütze.Das sittliche Übel vererbte sich von einem Geschlechte auf das andere, und in jedem neuen wurde es ärger. Vater und Mutter gaben selten ein gutes Beispiel.Sklaven und

*) Drumann, Geschichte Roms in seinem ibergange von der republikanischen zur monarchischen Verfassung, V, Seite 377 ff.