Aufsatz 
Heinrich Gräfe : der erste Leiter der Oberrealschule zu Cassel / von Karl Knabe
Entstehung
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Erziehung die Selbstthätigkeit, als materiales dagegen die Verwirklichung des göttlichen Willens im Geiste Jesu. Hieraus ergeben sich Grundsätze der Erziehung formaler Natur, inbezug auf den Zweck, die Mittel und die Methode, von denen die wesentlichsten die folgenden sind:»Beobachte das Gesetz der Stetigkeit«,»Wähle die Erziehungsmittel der Richtung, der Zeit und dem Masse nach in richtiger Weise aus« und»Erziehe dem eigentüúmlichen Charakter der Verhältnisse gemäss, unter welchen die Erziehung vor sich gehen soll.« Auf die untergeordneten Grundsätze, welche aus diesen folgen, gehen wir hier nicht weiter ein. Die aus dem materialen Elemente abgeleiteten Sätze nennt Gräfe die Principien der Er- ziehung; sie beziehen sich auf den Gehalt des Lebens, auf die ebenmässige Ausbildung von Leib und Seele. Da sich nun das Leben in einer dreifachen Stufenfolge: Familie, Berufs- thätigkeit und staatsbürgerliches Verhältnis entwickelt, so gehen die materialen Principien der Erziehung dahin, den Zögling für diese Lebenskreise, in denen er zu leben und zu wirken hat, tüchtig zu machen. Das oberste Princip aber ist die Bestimmung des Menschen, nämlich die Liebe zu Gott d. h. die gänzliche, aber freiwillige Hingabe des Menschen an Gott, in der uns Jesus Christus ein unübertreffliches Beispiel gegeben hat. Diese Liebe ist die Mutter des Glaubens, ihr schliessen sich Wahrheit, Schönheit und Gehorsam an.

Im ganzen môchten wir dem Urteile von Leutz(S. 220) zustimmen: Gräfe hat die Pflege, die Zucht und den Unterricht in solcher Vollständigkeit und Klarheit besprochen, dass seine Bücher heute noch zu den besten Lehrbüchern der Pädagogik gehören. Wenn auch Stoy, wohl nicht ganz mit Unrecht, in den begrifflichen Grundlagen von Gräfes Pädagogik wesentliche Mängel findet(S. 445), da Gräfe keine bestimmte psychologische Schule zur Grund- lage hat, so erkennt er doch selbst seine Abhandlungen als wertvolle Beiträge zur Orien- tierung über pädagogische Probleme voll an. Und in der That bietet Gräfe sowohl im Umfang wie in der scharfen Einteilung und gründlichen Durchdringung, wie in der klaren Darstellung seines Stoffes sicherlich auch heute noch, wo Unterrichtslehre und Schulkunde einen so be- deutenden Aufschwung genommen haben, durchaus brauchbares und gutes. Dies zeigt sich vor allen Dingen auch in seiner allgemeinen Pädagogik, in der umfassenden und genau ge- gliederten Behandlung der gesamten Pädagogik, in der er als Nebenwissenschaften die Ency- klopädie, Methodologie und Litteratur der Pädagogik, als Hauptwissenschaften aber die be- schreibende, historische und philosophische Pädagogik aufstellt. Die letztere stellt das Wesen aller Erziehung dar und zerfällt in die reine und die angewandte Erziehungslehre, wovon die erstere die Erziehung überhaupt und die ÜUnterrichtslehre behandelt, die zweite dagegen in einen rein pädagogischen Teil(wozu auch die pädagogische Heilkunde, physisch und psychisch, gehôrt) und in einen pädagogisch-politischen Teil, die Schulorganisations- und Schulverwaltungs- kunde sowie das Schulrecht umfassend, zerfällt. Uberall merkt man Gräfe den bedeutenden Praktiker an, der weit entfernt ist von rein theoretischen Ansichten, die sich in die Wirklichkeit nicht überführen lassen. Auf diesem Standpunkte steht er auch vor allem in seinen gründ- lichen und reichen Untersuchungen über die deutsche Volksschule, von denen Schumann, der Herausgeber der dritten Auflage dieses Werkes, sagt, dass sie für die Weiterbildung des Lehrers eine reiche Fülle von Belehrung darbieten.

Schon seine Definition der Volksschule steht auf rein praktischem Boden und weicht deshalb von vielen pädagogischen Zeitgenossen und Neueren ab, während sie sich derjenigen Zellers nähert. Er versteht nämlich darunter diejenige Schule, in der die künftigen Glieder des Bauern- und niedern Bürgerstandes nicht nur ihre Grund- und Elementarbildung, sondern