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sie zu seiner Zeit besonders von Dinter und Diesterweg gelehrt wurde. Alle erziehlichen Thätigkeiten sind nun entweder auf die Pflege, d. h. die Ermõglichung und Beförderung der natürlichen Entwicklung des Leibes und der Seele durch Darreichung der erforderlichen Mittel und Fernhaltung aller nachteiligen Einflüsse, oder auf die Zucht, durch die es dem unmündigen Menschen möglich gemacht werden soll im Geiste seiner Bestimmung zu leben, oder auf den Unterricht gerichtet, durch den dem Zögling zu der Einsicht und Willens- stärke verholfen wird, damit er seine Selbstbildung ohne absichtliche Einwirkung anderer fort- führen könne. Um sich eine klare Erkenntnis der Erziehung zu verschaffen, muss man zu— nächst den Zweck der Erziehung und dazu also den Zweck der Pflege, der Zucht und des Unterrichts eingehend betrachten, der in den obigen Definitionen angedeutet ist. Zwecke können nur durch Mittel erreicht werden. Unter Erziehungsmitteln versteht Gräfe nicht einzelne Thätigkeiten des Erziehers wie Aufsicht, Belehrung und dergl. oder sinnliche Gegenstände wie Sprache, Bücher, auch Ruthe und Stock u. s. w., sondern diejenigen materi- ellen oder geistigen Dinge, durch welche der Gehalt des leiblichen und geistigen Lebens unmittelbar vermehrt und bestimmt wird. So gehôren zu den Mitteln der Pflege zunächst die für die Erhaltung und Entwicklung des leiblichen Lebens nôtigen, wie Nahrung, Kleidung und Bewegung, dann aber auch diejenigen, welche die Entwicklung des Geistes bedingen, nämlich Mannigfaltigkeit der Umgebung, dann Bilder, Erzählungen und das Spiel. Die Mittel der Zucht bestehen in Gebot und Vorschrift und den daraus abgeleiteten: Erinnerung, Er- mahnung, Drohung, Strafe und Belohnung. Durch die Zucht wird das Kind der Vernunft des Erziehers unterworfen; es muss zur Zucht noch der Unterricht hinzutreten, dessen Zweck es grade ist, die Vernunft zum vollsten Eigentume des Zôglings zu machen. Die Ver- nunft oder der Geist ist aber in einer dreifachen Steigerung vorhanden: in der Natur, in dem Menschenleben und in der christlichen Offenbarung. Darum können auch Natur, Mensch, Gott als die Mittel des Unterrichts im allgemeinen betrachtet werden. Mit Recht erklärt es Gräfe für durchaus falsch, wenn der Unterricht lediglich auf das Erkenntnisvermögen be- zogen wird, er muss auch sowohl den Körper und das leibliche Leben wie das Fühlen, Be- gehren und Handeln umfassen. Das Gefühl muss geleitet. das ästhetische Urteil berichtigt, der Geschmack geläutert, die Idee der Vollkommenheit dem Gefühlsvermõgen als Ziel vorgestellt werden. Durch die Erziehungsmittel soll der Erziehungszweck erreicht werden; dazu müssen dieselben aber dem Zögling nahe gebracht werden. Dies geschieht durch die Erziehungs- methode, d. h. durch die Thätigkeit des Erziehers, welche die Erziehungsmittel so zubereitet dass der Zögling den innern Gehalt derselben von allen Hüllen frei machen und in sich auf- nehmen kann, und dass dieser angeregt und geneigt gemacht wird, sich diesem Geschäfte hin- zugeben. Dieselbe verläuft in vier Stufen und gliedert sich demgemäss in vier untergeordnete Thätigkeiten, nämlich den Erziehungsgang, die Erziehungsform, die Erziehungsweise und den Erziehungsgeist. Wenn nun auch die Methode in der Pflege, die ja nur die natürliche Ent- wicklung des Zôglings zum Zwecke hat, keine wesentliche Rolle spielt, so tritt sie doch schon in der Zucht und ganz besonders im Unterrichte stark hervor; es kann aber nicht nur von einer Methode des Unterrichts, wie meist geschieht, gesprochen werden.
Da der hôchste Grundsatz der Erziehung derjenige ist, auf den Zögling so einzuwirken, dass er befähigt werde, sich selbstthätig zu bilden, d. h. mit bewusster Einsicht und starker Willenskraft nach der Erreichung seiner Bestimmung, nämlich nach der Vollbringung des göttlichen Willens im Geiste des Erlösers, zu streben, so ergiebt sich als formales Ziel der


