43
dings nur in grossen Zügen bekannte Geschichte derselben. Zu der Zeit, als Gallien erobert worden war, und die römischen Heere in den Rheinlanden auf die Germanen stiessen, war die Bewegung des letztgenannten Völkerstammes in südlicher und westlicher Richtung, welche mit Unrecht erst der sogenannten Völkerwanderung zugeschrieben wird, längst in vollem Gang, und Felix Dahn sagt in seiner„Geschichte der deutschen Urzeit“ sehr zutreffend:„In der That, damals stand die Frage zur Entscheidung, ob Gallien römisch oder germanisch werden sollte. In 8 Jahren hatte Cäsar die Eroberung Galliens vollendet: er hinterliess seinen Nachfolgern mit dieser Erbschaft zugleich den römischen und echt cäsarischen Gedanken, die neue Provinz gegen die Germanen zu decken, nicht durch Verteidigung sondern durch den Angriff.“
Die Geschichte lehrt uns, wie die Römer Jahrhunderte hindurch diese Eroberungspolitik mit grosser Hartnäckigkeit verfolgten, nicht nur in ungezählten blutigenu Angriffen, sondern auch unter Aufbietung aller nur denkbaren diplomatischen Künste und Ränke; sie lehrt uns aber auch, wie alle Anstrengungen an der germanischen Urkraft zerschellten und in den germanischen Wäldern und Sümpfen ein klägliches Ende fanden. Aber erst nachdem man endgiltig die Durchführung jenes cäsarischen Testaments als unmöglich aufgegeben hatte, schrieb diese Nation, die ihre Adler siegreich in alle Weltteile getragen hatte, den Germanen gegenüber das non possumus in die Weltgeschichte, indem sie mitten durch die Volksstämme der letzteren den Pfahlgraben zog, um sich wenigstens einen Grenzkordon zur Deckung ihrer Prozinz Gallien zu sichern. Und thatsäch- lich haben sich 2 Jahrhunderte lang die anstürmenden germanischen Völkerwogen an diesem Boll- werk gebrochen; erst als der Bau in Folge innerer Zerrüttung des Reiches morsch geworden war, stürmten die Wogen darüber hinweg und vernichteten alsdann in schneller Folge alles, was sich ihnen entgegenstellte.
Wir fragen, ob die Grenzbefestigungen wohl im Stande gewesen wären, jenen Widerstand zu leisten, wenn dieselben nur den untergeordneten Wert gehabt hätten, welchen ihnen Herr Oberst v. Cohausen beimisst.
Aber auch die Beschaffenheit dieser Befestigungen, soweit wir sie heute noch aus den vor- handenen Überresten zu erkennen vermögen, spricht selbt für ihre höhere Bedeutung. Man wird jedenfalls zugeben müssen, dass die 40 in geschlossener Reihe angelegten grossen Limeskastelle, mit der bei der Überlegenheit der römischen Waffen ihnen zu Kriegszeiten offenbar innewohnenden Offensivkraft, doch zum Mindesten den Feind zur Aufbietung grösserer Armeeen zwangen, dass dieselben bei einem Einfall in die Provinz nicht ohne Weiteres ignoriert werden konnten, weil sie den Feind im Rücken bedrohten, und endlich dass sie mit den übrigen festen Plätzen erobert wer- den mussten, wenn die Gegner sich als Herren des Landes betrachten wollten.
Weiter werfen wir die Frage auf, ob die an einzelnen Stellen festgestellte Verdoppelung des Pfahlgrabens sowie namentlich die Anlage der Main-Neckarlinie hinter der Linie Lorch-ilten- berg nicht unbedingt dafür spricht, dass die Römer auf die nachhaltige Verteidigung ihrer Grenz- befestigungen einen besonders hohen Wert legten.
Herr Kreissrichter Conrady, der erfahrene und fruchtbare Forscher von Miltenberg, äussert sich über die letztgenannten Befestigungen wie folgt:
„Unverkennbar macht die vordere Linie den entschiedenen Eindruck einer einheitlichen gleichzeitigen Anlage, die vor allen Dingen den Zweck zu haben schien, ungesäumt und so zu sagen mit einem Schlage ein okkupiertes Gebiet, sei es angesichts des Feindes, sei es mit Zustim- mung der angrenzenden Völkerschaften, durch eine unzweideutige, wehrhafte Grenzeinrichtung dem Reiche dauernd einzuverleiben und gegen die nächsten Unbilden eines unruhigen händel-
6*


