Aufsatz 
Der römische Grenzwall bei Hanau mit den Kastellen zu Rückingen und Marköbel / von Georg Wolff und Otto Dahm
Entstehung
Einzelbild herunterladen

41

delicorum genannt wird, sowie unter Berücksichtigung der besonderen strategischen Bedeutung dieses Platzes unbedingt eine Besatzung von zwei Kohorten angenommen werden muss, können wir für das letztere mit Sicherheit auf eine Garnison von nur einer Kohorte, und zwar der Cohors III Dalmatarum schliessen, weil daselbst eine grosse Anzahl Stempel und eine Steininschrift der letzteren neben Stempeln der Cohors IIII Vindelicorum und der Legio XXII p. p. f. vorkamen. Betreffs der Annahme, dass die Legionstruppen nur vorübergehend resp. mit einer kleinen Abtei- lung als Garnison beider Kastelle, die 4. Vindelicier-Kohorte dagegen für Rückingen gar- nicht in Betracht kommen können, stehen wir vollkommen auf dem Standtpunkt des Herrn Dr. Wolff. ¹)

Das auf dem Terrainabschnitt zwischen dem Torfstich und dem Doppelbiergrabensumpf ge- legene Zwischenkastell Neuwirtshaus bildete augenscheinlich mit dem davorliegenden Grenzwall und den Wachttürmen B, C, D und E eine in sich geschlossene Gruppe von Befestigungen, die mit einer Centurie und zwar von Grosskrotzenburg aus besetzt wurde, weil dieses Kastell näher lag und eine stärkere Besatzung hatte als Rückingen und überdies die betreffende Verbindung eine erheblich gesichertere war. Die Wache für den Turm A wurde sonach direkt von der Grosskrotzen- burger, die der Türme F, G und H von der Rückinger Garnison gestellt.

7. Schlussbemerkungen.

Als die wesentlichsten Resultate unserer Forschungen möchten wir diejenigen hinstellen, welche geeignet erscheinen, die gegenwärtig bestehenden Anschauungen über die Anlage und den Zweck der römischen Grenzbefestigungen in Obergermanien in einigen zweifelhaften Punkten zu er- gänzen resp. zu berichtigen.

Soweit es die Geradführung unseres Grenzwalles ermöglichte, wurde überall der vorhande- nen eigentümlichen Terrainbeschaffenheit in vollstem Masse Rechnung getragen und diesem Um- stande verdanken wir es hauptsächlich, dass wir nun umgekehrt aus der Terrainbeschaffenheit und der Lage der einzelnen Werke uns ein vollständig klares Bild nicht nur von der Einrichtung son- dern auch von der Besetzung und Verteidigung dieser Grenzbefestigungen zu machen vermögen. Deut- lich und bestimmt, wie kaum auf einer andern Stelle des Limes, prägt sich zunächst im Ganzen wie in den einzelnen Teilen der streng militärische Charakter sowie die vollkommen planmässige

¹) Das Römerkastell und das Mithrasheiligtum zu Grosskrotzenburg am Main. 8. 58 ff.: Herr Dr. Wolff vertritt die Ansicht, dass der zu Grosskrotzenburg stationierte Praepositus der Coh. I C. R. und der Coh. IIII Vinde- licorum gleichzeitig Kommandant der zu Kleinkrotzenburg und Seligenstadt anzunehmenden Kastelle gewesen sei. Da nun aber die im Sommer 1884 zu Kleinkrotzenburg vorgenommenen Nachgrabungen auch nicht den geringsten An- halt für die frühere Existenz eines Kastells ergaben und vom militärischen Standtpunkt aus kein rechter Grund für die Unter- stellung des immerhin 3,7 km(Luftlinie) entfernten Kastells Seligenstadt unter den Komandanten von Grosskrotzenburg vor- liegt, so erscheint diese Annahme gegenwärtig kaum noch haltbar. Dagegen dürfte es als ganz selbstverständlich anzusehen sein, dass die beiden in dem letztgenannten Kastell gleichzeitig anwesenden koordinierten Truppenteile un- ter dem Befehl eines gemeinsamen Kommandanten standen. Wenn nun thatsächlich auf der sog. Mainspitze(Kessel- stadt gegenüber) und zu Seligenstadt Stempei der Coh. I C. R. ed. gefunden wurden, so scheint dies, wie Herr Dr. Wolff S. 59 hervorhebt, nur dafür zu sprechen, dass es mit zu den wesentlichsten Aufgaben von Grosskrotzen- burg gehörte, die Verbindung mit Seligenstadt zu unterhalten, sowie die nach den Ansiedelungen bei Kleinsteinheim und Kesselstadt führende Strasse und die bei letztgenanntem Ort gelegene Furt zu decken. Die für diesen Zweck be- sonders geeignete 1. Kohorte der römischen Bürger mag dann wohl ihre Reiterabteilungen nach diesen Punkten de-

tachiert und denselben aus Grosskrotzenburger Ziegeln Unterkunftsräume errichtet haben. 6