Aufsatz 
Der römische Grenzwall bei Hanau mit den Kastellen zu Rückingen und Marköbel / von Georg Wolff und Otto Dahm
Entstehung
Einzelbild herunterladen

34

2 bringt, etwa 210 qm; es konnten daselbst also keinesfalls mehr als 2. 61= 80 Mann unterge-

bracht werden, während Herr Oberst v. Cohausen die Besatzung dieses kleinen Kastells auf

130 bis 150 Mann berechnet¹). Es entfielen sonach bei einem Umzug von 112 m auf einen Mann 0

5= 1,40 m Verteidigungslinie.

Dass aber der mehrgenannte Forscher nicht nur die Besatzung der kleinen, sondern auch der grösseren Kastelle erheblich zu hoch veranschlagt, dürfte ganz besonders daraus hervorgehen, dass er durch Zusammenzählung der für die Okkupation von Obergermanien erforderlichen Truppen zu einer Armee von 61200 Mann gelangt, einer Truppenmacht, die vielleicht vorübergehend während einiger Kriegsperioden, zweifellos aber nicht immer in Friedenszeiten daselbst vorhanden war. Es verursacht denn auch Mühe, die Truppenteile ausfindig zu machen, die notwendig sind, um diese Okkupationsarmee vollzählig zu machen; denn während nachgewiesen ist, dass zu Ende des zweiten und zu Anfang des dritten Jahrhunderts, also zu einer Zeit, in welcher die Römer sich des mög- lichst ungestörten Besitzes dieser Provinz erfreuten, daselbst ausser den Auxiliartruppen nur zwei Legionen die VIII und XXII standen, sind hierzu 4 Legionen und nicht weniger als 100 Hilfskohorten erforderlich. Aber selbst diese Truppenteile reichen nicht aus, und so werden denn Vorzugsweise aus Landeseingeborenen bestehend noch 32 Voluntarier-Kohorten herangezogen,weil in Inschriften die Cohors XXXII voluntariorum benannt wurde. Wir halten diese Folgerung für etwas gewagt, überdies ist aber als ziemlich sicher anzunehmen, dass die Cohortes voluntariorium, die wahrscheinlich identisch sind mit den Cohortes Italicae civium Romanorum voluntariorum(abgekürzt cohortes civium Romanorum), den Cohortes voluntariorum civium Romanorum, den Cohortes inge- nuorum und den Cohortes ingenuorum civium Romanorum, nicht vorzugsweise aus Germanen be- standen, sondern sich aus Freiwilligen aller Provinzen des Reichs zusammensetzten*).

Allerdings hat der Herr Verfasser sich die Sache dadurch wesentlich erschwert, dass er die Kopfstärke der Truppenteile nach cäsarischer und nicht nach der hier allein in Betracht kom- menden Kaiserzeit berechnet; hätte er, dem letztgenannten Zeitalter entsprechend, die Legion mit 6000 und die Kohorte mit 500 bezw. 1000 Mann in Rechnung gezogen, so braucht er neben den 4 Legionen nur etwa 50 60 Hilfskohorten, eine Anzahl die weniger anfechtbar gewesen wäre. Berechnen wir andererseits die von Herrn Oberst v. Cohausen citierten 4 Legionen und 130. Hilfskohorten mit den für jene Zeit allgemein angenommenen Kopfstärken, so würde die ober- germanische Okkupationsarmee sich sogar auf mindestens 100000 Mann stellen.

Wie können wir nun aber die Besatzungsstärke der Kastelle in jedem einzelnen Fall er- mitteln? Die Lösung dieser Aufgabe ist nicht ganz leicht, jedenfalls nicht so einfach, dass sie allein mit Hilfe mathematischer Formeln möglich wäre. Zunächst glauben wir, dass unbedingt ein Unter- schied zu machen ist, zwischen der Friedensgarnison und der Kriegsbesatzung der Kastelle, oder richtiger zwischen der Besetzung der Kastelle für den kleinen und den grossen Krieg, da angenom- men werden muss, dass für gewöhnlich erstere erheblich schwächer war als letztere.

Noch niemals, so lange Staaten existieren, haben dieselben selbst nicht in ihren Grenz- provinzen im Frieden auf die Dauer die für den grossen Krieg noötige Truppenmacht unter- halten können, sondern zu allen Zeiten ist dem Krieg in gewissem Sinne eine Mobilmachung

¹) A. v. Cohausen: Der römische Grenzwall in Deutschland. S. 44. ²) Joachim Marquardt: Römische Staatsverwaltung II, S. 467 ff.