Aufsatz 
Der römische Grenzwall bei Hanau mit den Kastellen zu Rückingen und Marköbel / von Georg Wolff und Otto Dahm
Entstehung
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mit Schiefer eingedeckten und zum Teil mit Glasfenstern versehenen¹) Baracken bestanden, die in ihrer Bauart wohl denjenigen Gebänden entsprachen, welche in den Soldatenquartieren der Haupt- kastelle vorhanden waren, da hier zumeist die gleichen Reste aufgefunden werden. Unmittelbar hinter den Baracken befand sich der Erdwall, welcher von zwei verhältnismässig tiefen und mit steilen Böschungen versehenen Spitzgräben umzogen wurde.

Aus der genau festgestellten Form und Lage dieser Wallgräben, aus den für die Baracken gegebenen Anhaltspunkten, namentlich aber aus dem jetzt vorhandenen verflössten Profil haben wir versucht, den ehemaligen Wall zu rekonstruiren und glauben annehmen zu dürfen, dass die Taf. I, Figur 2 angegebene Gestalt desselben der Wirklichkeit nahe kommt. Ganz besondere Bedeutung erhielten für diese Rekonstruktion eine grössere Anzahl mittelgrosser Basaltsteine, welche, auf dem höchsten Teil des Walles zerstreut, in geringer Tiefe vorgefunden wurden (Taf. I, Figur 1). Dieselben können kaum einem andern Zweck gedient haben, als entweder zur Herstellung von Stufen, die zu dem Wallgang führten, oder einer Trockenmauer, welche die Brust- wehr bildete. Da aber eine solche Mauer behufs Erreichung der nötigen Standfestigkeit eine ver- hältnismässig grosse Stärke haben musste und demzufolge die Beherrschung der äusseren Wall- böschung und des anstossenden Grabens erheblich erschwerte, so setzen wir an dieser Stelle eine Pallisadierung voraus, welche dem vorliegenden Zweck insofern besser entsprach, als dieselbe, bei geringerer Stärke eine grössere Festigkeit besass und ausserdem in einfachster Weise eine zinnen- artige Einrichtung analog den gemauerten Zinnen bei den Hauptkastellen ermöglichte. 8

Da ein so angelegter Wall aber immerhin leicht zu ersteigen war und namentlich während der Nacht keinen ausreichenden Schutz gegen Pberfälle gewährte, so kann wohl mit Recht angenom- men werden, dass man bestrebt war, durch künstliche Hindernisse(wie Dornenhecken, Pfählchen etc.), die auf dem Glacis und auf den Grabenböschungen angebracht wurden, die Verteidigunsfähigkeit des Kastells nach Möglichkeit zu erhöhen. Ganz besonders geeignet erscheint hierzu die zwischen den beiden Spitzgräben vorhandene Erhöhung, welche hauptsächlich den Zweck hatte, den Angreifer in der für den Pilumwurf günstigsten Entfernung in eine solche Stellung zu dem Verteidiger zu vringen, dass derselbe dem letzteren eine möglichst grosse Zielfläche bot; es kam also darauf an, den anstürmenden Feind gerade an dieser Stelle möglichst lange festzuhalten und dies konnte nur durch dergleichen Hindernisse erreicht werden.

Dass man bei diesem Kastell einen ganz besonderen Wert auf die Gräben legte, geht schon aus dem Umstande hervor, dass letztere auch da vorhanden waren, wo sie sonst in der Regel fehl- ten, nämlich vor dem Thor. Dieselben waren hier zwar schon äusserlich, genau in derselben Weise wie vor dem Wall, erkennbar, wurden aber der grösseren Sicherheit wegen auch noch durch einen qurchlaufenden Einschnitt konstatirt, um allen Zweifeln in dieser Richtung zu begegnen. ISt es nun als ganz selbstverständlich anzusehen, dass die Gräben vor dem Thor mit einer Uberbrückung versehen waren, so ist auch weiter zu schliessen, dass diese Brücke so konstruiert sein musste, dass sie, je nach Bedürfnis, leicht entfernt, bezw. zum Gebrauch hergerichtet werden konnte, da andern- talls offenbar die Gräben an dieser Stelle zwecklos gewesen wären. Was die weitere Einrichtung des Eingangs anbelangt, so wurden dicht am Rande des inneren Grabens, und zwar auf der dem Kastell zugekehrten Seite, die Reste einer Trockenmauer aufgefunden(d Taf. I, Figur 1), welche mit dem Graben parallel verlief und vielleicht zur Auflagerung der vorerwähnten Brücke diente.

¹) Glas wurde nur bei b(Taf. I, Figur 1) gefunden, und da auf dieser Stelle auch die Münzen und alle übrigen wiecbtigeren Fundstücke lagen, so kann angenommen werden, dass hier auf der Sonnenseite die Offi cierbaracke stand.