Aufsatz 
Der römische Grenzwall bei Hanau mit den Kastellen zu Rückingen und Marköbel / von Georg Wolff und Otto Dahm
Entstehung
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Z. Das Zwischencastell Neuwirthshaus.

Fast genau in der Mitte zwischen dem Torfstich und dem Doppelbiergrabensumpf und 77 m hinter dem Grenzwall liegt gleichsam eine Feldwache für diesen Terrainabschnitt das kleine Zwischenkastell Neuwirthshaus, so benannt nach dem in der Nähe befindlichen Gasthof gleichen Namens. Dasselbe war bereits(1845) dem um die Erforschung des rheinischen Grenzwalles hoch- verdienten Oberstlieutenant F. W. Schmidt bekannt; später veranstalteten Arndt und Major Duncker daselbst Nachgrabungen, die indess nennenswerte Resultate nicht ergaben.

Es war also bis zu der Zeit, in welcher auf Anregung des Oberbibliothekars Herrn Dr. Duncker zu Kassel¹) und unter hervorragender Beteiligung des Gymnasial-Oberlehrers Herrn Dr. G. Wolff die systematische und gründliche Erforschung des wetterauischen Limes, und zwar von dem Kastell Grosskrotzenburg ausgehend, durch den Geschichts-Verein zu Hanau in Angriff ge- nommen wurde, von diesem Zwischenkastell nicht viel mehr festgestellt als der römische Ursprung und die äussere Form.

Was die letztere aubetrifft, so stellt sich dieselbe als eine Erdredoute von etwa 32 und 24 m Seitenlängen dar, durchaus ähnlich denjenigen Erdwerken, welche, aus dem Mittelalter herstam- mend, mehrfach in hiesiger Gegend erhalten sind. Der Wall hat gegenwärtig noch eine qurch- schnittliche Höhe von 2 m. Der diesem zunächstliegende Wallgraben ist durch den verflössten Boden fast ganz ausgefüllt und nur noch wenig sichtbar; der äussere Graben dagegen markiert sich überall recht deutlich und lässt namentlich auch die abgerundete Form der Kastellecken erkennen (Taf. I, Figur 1 und 2).

Der Regel entsprechend liegen die Schmalseiten des Kastells parallel zum Grenzwall. Die dem letzteren zugekehrte Front enthält genau in ihrer Mitte eine muldenförmige Vertiefung, welche auf das einzige vorhandene Thor die porta praetoria hindeutet.

Die in den Monaten März und April 1883 vorgenommenen Ausgrabungen, denen der ge- samte Vorstand des Vereins, und zwar die Herren Akademie-Direktor Hausmann, Pfarrer Junghans, Architekt von Rössler, Dr. Suchier, Kaufmann Wiedersum, Major Wille, Dr. Georg Wolff, sowie mehrere Vereinsmitglieder beiwohnten, ergaben folgende Resultate:

In der Mitte des Kastells befand sich ein rechteckiger Hofraum von 17 und 11 m Seiten- längen. Verschiedene in diesem Teil gezogene, bis tief in den gewachsenen Boden hinabgeführte Gräben ergaben überall klaren Sand und nicht das geringste Anzeichen für Bauwerke irgend welcher Art. Der Hofraum war umgeben von einer etwa 4 m breiten Zone, welche ein gänzlich anderes Aussehen zeigte. Hier fand sich, in einer Tiefe von etwa 75 cm, ausser den Taf. I, Figur 1 an- gegebenen zahlreichen Resten von Trocken mauern aus Basaltsteinen, fast durchweg eine unge- führ 15 cm starke, intensiv schwarz gefärbte Brandschuttschicht vor, welche in groser Zahl Gefässreste und Nägel aller Art, Stücke von Dachschiefer und Fensterglas, sowie mehrere Münzen und die sonstigen weiter unten aufgeführten Fundstücke enthielt. Mörtelbrocken wurden nur ganz ver- einzelt vorgefunden, und da dieselben immer in Gemeinschaft mit Backsteinresten, verschlackten Basaltsteinen, Knochen und reichlichem Brandschutt vorkamen, so wurde hieraus geschlossen, dass dieses Material ausschliesslich zur Herstellung der Feuerstellen verwendet wurde.

Nach diesen Funden konnte es keinem Zweifel unterliegen, dass in der den Hof umgeben- den Zone die Wohnräume der Besatzung lagen, welche aus hölzernen, auf Trockenmauern errichteten,

¹) Dr. Albert Duncker. Beiträge zur Erforschung und Geschichte des Pfahlgrabens. Kassel 1879.