Aufsatz 
Der römische Grenzwall bei Hanau mit den Kastellen zu Rückingen und Marköbel / von Georg Wolff und Otto Dahm
Entstehung
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Wie in den meisten Fällen, so liegt auch hier wohl das Richtige in der Mitte und es er- scheint uns mit Rücksicht auf die Klärung dieser Frage von besonderem Interesse, in den Grenz- befestigungen zwischen den Kastellen Grosskrotzenburg und Rückingen Anlagen kennen zu lernen, welche in ihren wohlerhaltenen Resten ganz unzweifelhaft auf eine vollkommene Berücksichtigung der wesentlichsten militärischen Anforderungen sowie auf ein durchdachtes und konsequent durchgeführtes System hinweisen.

1. Das Terrain.

Die Limesstrecke Grosskrotzenburg-Rückingen(Taf. II) wird an ihrem südlichen Ende durch den Main, an dem nördlichen durch die Kinzig begrenzt. Der Main hat in dieser Gegend für ge- wöhnlich militärische Wassertiefe, die Kinzig dagegen trägt den Charakter eines Gebirgsflusses, d. h. ihr Wasserstand wechselt erheblich und schnell. Während sie bei ausnehmend trockener Jahreszeit an einzelnen Stellen durchwatet werden kann, schwillt sie bei Regenwetter stark an und tritt bei anhaltender Nässe regelmässig über ihre Ufer hinaus. Auf der hier in Betracht kommenden Stelle liegt das Überschwemmungsgebiet ausschliesslich auf dem linken Ufer des Flusses und erstreckt sich bei besonders grossem Hochwasser oft über die Lache und das Forst- revier Schenkenloch hinaus bis in die Nähe des Wachtturmes G.

Durch die genannten Flüsse und zwei den Pfahlgraben senkrecht schneidende Sümpfe wird das Terrain in drei scharfbegrenzte Abschnitte geteilt. Der südliche dieser Sümpfe, der soge- nannte Torfstich, ist 290 m, der nördliche, vom Doppelbiergraben durchzogene, fast 700 m breit. Beide Sümpfe werden gegenwärtig durch Abzugsgräben entwässert, dessenungeachtet sind sie, selbst bei trockner Jahreszeit, nicht passierbar. Zur Römerzeit sind dieselben wohl stets gänzlich unzu- gänglich gewesen, da in ihrer ganzen Breite bis an die jetzt trocken gelegten Ränder der Pfahl- graben unterbrochen war, eine Grenzsperre hier also nicht für erforderlich gehalten wurde.

Die Bodenbeschaffenheit ist in der Nähe der Flüsse, und zwar auf dem ganzen südlichen Ab- schnitt und in dem überschwemmungsgebiet der Kinzig, alluvial lehmig, in dem übrigen Teil dünen- artig sandig, mit dünner Humusdecke.

Abgesehen von einigen unbedeutenden Bodenanschwellungen ist das Terrain durchweg eben; die Höhenunterschiede betragen überall nur wenige Meter.

Der auf dem beigebenen Plan verzeichnete Waldbestand ist, nach der Beshaffenheit der Reste der hier vorhanden gewesenen Grenzbefestigungen zu schliessen, bis auf die Zeit der römi- schen Okkupation zurückzuführen.

2. Der Grenzwall.

Der aus einem Erdwall mit davorliegendem Spitzgraben bestehende Grenzwall verläuft geradlinig fast genau von Norden nach Süden und zwar so, dass derselbe in seinem nördlichen Teil die Kinzig in einer Entfernung von 300 m vom Kastell Rückingen schneidet(Taf. III), in dem südlichen mit einer kaum merkbaren Schwenkung nach Osten(Taf. I, Figur 3) dicht vor dem äusseren Graben der Ostfront des Kastells Grosskrotzenburg endet. ¹)

Verfolgen wir von dem letztgenannten Kastell aus die Trace des Grenzwalles nach Norden, so wird derselbe erst erkennbar, nachdem wir das nördlich des Dorfes gelegene Ackerland über-

¹) Dr. Georg Wolff beschreibt in dem vorhergehenden Abschnitt ausführlich diese Abweichung des Pfahl- grabens von dem geradlinigen Verlauf sowie den Anschluss desselben an das Kastell Grosskrotzenburg.