Aufsatz 
Der römische Grenzwall bei Hanau mit den Kastellen zu Rückingen und Marköbel / von Georg Wolff und Otto Dahm
Entstehung
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II. Die römischen Grenzbefestigungen zwischen den Kastellen Grosskrotzenburg und Rückingen.

Die römischen Grenzbefestigungen in Obergermanien sind hinsichtlich ihrer Anlage in den Ruf einer gewissen Planlosigkeit gelangt, namentlich deswegen, weil gegenwärtig weder historische noch militärische Erwägungen uns näheren Aufschluss darüber geben können, aus welchen Gründen die Trace derselben so geführt wurde, wie wir sie heute in ihrer ganzen Ausdehnung von Lorch bis Rheinbröhl kennen. Denn während die politischen Gründe, welche für die Feststellung dieser Grenze massgebend waren, sich gänzlich unserer Kenntnis entziehen, weil die Geschichte der römisch-germanischen Kämpfe jener Zeit zu lückenhaft ist, um mehr als Vermutungen in dieser Richtung zu rechtfertigen, stossen wir auch in militärischer Hinsicht oft auf unlösbare Rätsel.

Zwar hat man auf der Strecke Grosskrotzenburg-Miltenberg vorteilhaft den Lauf des Mains in die Reichsgrenze hineingezogen und in der Linie Miltenberg-Lorch unverkennbar die kürzeste Ver- vindung mit dem Donaulimes gesucht damit sind aber auch die Anhaltspunkte erschöpft, da für den Verlauf des übrigen Teils der Grenzbefestigungen nicht nur jede bestimmte Begründung fehlt, sondern derselbe oft sogar, sowohl in strategischer wie taktischer Hinsicht, als fehlerhaft zu bezeichnen ist.

So leuchtet ein, dass der halbinselförmig tief in Feindesland ausspringende, die Wetterau umschliessende Bogen den Angriff ausserordentlich begünstigte, dass der einspringende Winkel, welcher von der Taunuslinie und ihren Fortsetzungen gebildet wurde, die Annäherung des Feindes an den strategisch wichtigsten Punkt den Hauptwaffenplatz Mainz in bedenklichem Masse gestattete, und dass in dem nordwestlichen Teil der Provinz die Verteidigung sehr ungünstig dadurch beinflusst wurde, dass der Rhein fasst unmittelbar im Rücken der Grenzbefestigungen lag. Wir sehen ferner, das der Pfahlgraben an einzelnen Stellen gegen alle militärische Regeln dicht vor ausgedehnten Sümpfen oder sonstigen Hindernissen vorbei zog oder an Geländen lag, die nach dem Feinde zu erheblich anstiegen; wir finden zuweilen Wachttürme an Orten, die keinen i'berblick gestatteten, und selbst die Lage der Kastelle ist in vereinzelten Fällen so ungünstig gewählt, dass dieselbe uns in Erstaunen versetzt.

Wir können uns deshalb nicht wundern, wenn die Ansichten über die Bedeutung und den Wert der Grenzbefestigungen bei den verschiedenen Forschern so sehr verschieden sind, dass die- selben in allen Abstufungen vorkommen, vomgewaltigen, imposanten Bauwerk herab bis zum unbedeutenden Grenzwällchen, an welchem die Turmwächter den germanischen Marktweibern die

Schlagbäume öffneten. 2*